Dienstag, 20. Dezember 2016

Was die Demokratie wirklich gefährdet

Die Demokratie beruht auf Normen. Dieser Satz erscheint ebenso harmlos wie banal. Tatsächlich aber sind die Normen das absolute Fundament auf dem sie ruht, nicht, wie so oft angenommen, die Verfassung. Es ist eine dieser über-lernten Lektionen aus Weimar, dass die Demokratie durch eine ungeschickte Verfassungskonstruktion stolperte. Der Artikel 48 war aber genauso wenig schuld am Fall Weimars wie das Electoral College an Trump. Stattdessen geht es um Normen - und ihre Missachtung.

Verweilen wir für einen Moment beim Beispiel Weimars. Es wird oft gesagt, der Artikel 48 sei ein Fehler gewesen und habe dem Präsidenten zuviel Macht gegeben. Tatsächlich haben Verfassungsrechtler von damals bis heute immer wieder betont, dass die Hindenburg'sche Anwendung gegen die Verfassung verstieß. Nur hat das niemandem gekümmert. Die Rechten und Linken wollten die Republik, je aus unterschiedlichen Motiven, ohnehin fallen sehen. Und die Sozialdemokraten und kläglichen Reste anständiger Bürgerlicher waren dazwischen eingeklemmt und hofften nur noch, Schlimmeres zu verhindern. Der eigentliche Machtkonflikt wurde auf der Straße und in den Hinterzimmern ausgetragen - ein Bruch demokratischer Normen.

Als umgekehrtes Beispiel mag 1968 dienen, als die Große Koalition, mit einer Mehrheit jenseits der 90%, die Notstandsgesetze gegen massive Proteste einführte. Die Befürchtung war eine Wiederholung der Krise von Weimar. Nichts dergleichen geschah, obwohl die Erklärung des Notstands nicht wesentlich größere Hürden zu überwinden hatte als 1925. Das liegt schlicht daran, dass in der BRD demokratische Normen immer noch intakt sind. Kein Bundesverfassungsgericht der Welt könnte eine Regierung aufhalten, die auf den Exekutivapparat gestützt gegen die Verfassung regiert und diese bricht. Alles was zwischen Demokratie und Finsternis steht sind Normen: klein, zart, unauffällig und zerbrechlich.

Das ist die große Gefahr des Jahres 2016: der gigantische Normenbruch um uns herum, der den Boden bereitet für die eigentliche, größere Gefahr.

Ein frappantes wie aktuelles Beispiel hierfür ist, wie könnte es anders sein, Trump. Seine schon fast pathologischen Lügen wurden zur Genüge diagnostiziert. Unter demokratischen Normen aber verstehen wir bei "Lügen" von Politikern etwas anderes, denn normalerweise lügen Politiker nicht im Wortsinne. Einen Politiker bei einer bewussten Falschaussage zu ertappen war und ist höchst selten. Stattdessen verschweigen sie etwas, drücken sich mehrdeutig aus, biegen die Wahrheit, interpretieren in ihrem Sinne, beschönigen, können Versprochenes nicht umsetzen. All das ist stets Teil des Geschäfts, genauso wie das der Presse, sie dabei zu ertappen und in die Ecke zu drängen, und das Geschäft der Opposition, ein gegenläufiges Narrativ zu schaffen.

Wenn aber jemand bei den offensichtlichsten und überprüfbarsten Sachverhalten lügt, und das mehrmals am Tag, bricht das sämtliche Normen. Es existiert schlichtweg kein Mechanismus, um dann damit umzugehen. Stattdessen legitimieren die Normen ihren eigenen Bruch. Ein gängiger Witz besagt, dass wenn die Republicans behaupteten, die Erde sei flach, die New York Times titeln würde, die Parteien seien sich nicht über die Form der Erde einig. Diese Art der Berichterstattung funktioniert für policy-Differenzen. Sie versagt völlig, wenn sich eine Seite nicht an die Regeln hält.

Das soll aber nicht in billige Medienschelte ausarten. Schließlich wurde zurecht darauf hingewiesen, dass es im Wahlkampf nicht an negativer Berichterstattung über Trump mangelte. Der Normenbruch führte aber dazu, dass bei der Masse der Wähler der Eindruck entstand, beide Kandidaten seien gleich schlimm. Auf diese Art bleibt der Normenbruch ungestraft, ja, wird belohnt.

Wir sehen diesem Mechanismus in vielen Ländern rechtspopulistische Strömungen befeuern. Ob AfD in Deutschland, UKIP in England und Wales, Fidesz in Ungarn, PiS in Polen, die frühere Lega Nord in Italien - das Ziel ist stets der kalkulierte Normenbruch, um selbst salonfähig zu werden.

Diese Strategie funktioniert fürchterlich gut. Wenn sich bei den Wahlen erst einmal eine "Schlimmer können die es auch nicht machen"-Mentalität festgefressen hat, kommen Demokratiefeinde erst an die Macht und höhlen dann die Demokratie von innen aus. Denn wer sollte sich hinter Institutionen stellen, die für unzureichend befunden wurden, eine Diagnose, die sich durch den Erfolg ihrer Gegner quasi in eine sich selbst erfüllende Prophezeiung gewandelt hat? An dieser Stelle des Textes sollte so etwas wie eine Lösung stehen. Aber ich weiß keine. Demokratische Normen halten nur so lange, wie die deutliche Mehrheit der Bevölkerung sie zu verteidigen bereit ist. In dem Moment, in dem das "Ja, aber" die Oberhand gewinnt ("Ja, die AfD ist rassistisch, aber", "Ja, Trump lügt und fordert die gefährlichsten Dinge, aber"), schwebt die Demokratie in Gefahr.

Mittwoch, 14. Dezember 2016

Was this the Democrat's biggest mistake in 2016?

Anmerkung: Dieser Artikel ist ein Experiment mit englischsprachigen Artikeln und konstitutiert noch keinen Trend auf Deliberation Daily.

Many observers of the 2016 race have postulated that Hillary should've listened more to her husband, Bill, in setting terms of strategy against Trump. Reportedly, he adviced her to campaign more in the Rustbelt and to connect more with working class voters. I do indeed think that Clinton should have taken a page from Bill's playbook, but not this one. Rather, she should have looked at the lessons from 1988.

In 1988, Republican strategist Lee Atwater devised the strategy for George H. W. Bush to defeat his Democratic challenger Michael Dukakis. Bush had a lot of things going against him. It would be a third term for Republicans, which conventional wisdom had as a major disadvantage. He was a pure-blooded establishment politician, without much connection to the Christian-Right coalition that Reagan had built, and he didn't enjoy the highest favorability or even celebrity ratings. However, in the event, he won decisevely, with Atwater's strategy to thank for it. His opponent Dukakis certainly didn't help his cause, either. It was Bill Clinton who took up the thread and defeated Bush in 1992. So what did Atwater propose, how did Clinton counter it, and how may the other Clinton have taken this up in 2016?

Atwater's strategy was two-fold. On the one hand, he needed to plant Bush firmly with the Republican base, which in case meant Evangelicals. Bush, who had no history of churchgoing or public religious statements, seemed like a hard sell in that regard. In the end, he wasn't. Bush, like Reagan before him, started to shamelessly pander to the Evangelicals, touting his strong believes and professing his special connection to god. It sufficed, the Evangelicals turned out for him. The other part of the strategy was more deliberate and would be perfected by Republicans in the two decades to come: he mercilessly attacked the character of his challenger Dukakis and resorted to racism. The racist attacks were cloaked in coded language ("state's rights", "welfare", etc), which became known as dog whistles. Bush himself detached himself from the actual strategy and let independent groups - the predecessor of today's Super-PACs - run the most offensive ads, but this made a difference in no one's mind. The most infamous of the character assaults on Dukakis was the Willi-Horton-ad, in which Bush's campaign linked the brutal murders of a black inmate on furlough in Dukakis' home-state of Massachusetts directly to Dukakis. Dukakis tried to ignore this despicable character assassinations, convinced that the American people would not reward such low stuff. Only too late did he try to counter them, to little avail. He clearly lost the election.

In 1992 - Atwater was one year dead - a man of much less defensible character than Dukakis ran for president. Clinton was surrounded by allegations of marital infidelity and double-dealing already from his time in Arkansas, and his team early on devised a counter to the expected negative advertisements: attack yourself and always strike back as hard as you can. Whenever Bush attacked Clinton, the Clinton campaign wouldn't try to defend their candidate but rather answered with attacks on Bush, retaliating with full force and consciously dragging the political process in the mud of infighting to where the Bush campaign had invited them. It worked, and no one cared for Clinton's misdeeds enough to deny his cruise to victory, aided by an ailing economy. In 1994, the Republicans struck back. If Democrats thought that you couldn't get lower than to accuse your opponents of favoring murders or to kill their best friend, they were in for a rude awakening. In his playbook for the 1994 Midterms (and beyond), Newt Gingrich gave his Republican colleagues a language guide in how to talk about Democrats, which contained words as "sick", "traitor", "betrayal", "liberal", "shame" and "welfare" (implictly acknowledging its dog-whistle quality as a racist substitute).

It's easy to see where the comparison to 2016 lies. Michelle Obama's "When they go low, we go high" could easily have been plastered on a wall of a Dukakis field office in the summer of 1988. Clinton's weak defenses of her email scandals, the Clinton Foundation's work or the DNC hacks was reminiscent of Dukakis' attempts at trying to explain his furlough policy. Just think of all the headlines you didn't read in the 2016 campaign:

  • Clinton: "Trump stole the taxpayer's money"
  • Clinton accusing Trump of running fraudulent business empire
  • Trump rape allegations: Clinton says she has proof
  • Trump visited with Putin to debate campaign strategy, Clinton says
  • Podesta claims to have secret strategy paper detailling Trump's Medicare privatization plan
  • Trump denies Clinton claim that he employs Ku-Klux-Klan members
That's because none of the above could in any way be proven and is totally made up by me. But hey, maybe did some or all of these things. To speak with Trump, nobody really knows. Of course, Clinton didn't employ these tactics. She limited herself to attacks that could clearly and unequivocally be proven and restrained from using attacks that couldn't, even by proxy. She also didn't revert to direct insults, as Trump and the Republicans would do. The Republicans know no such qualms. They staged mock trials, revelled in sexism, peddled conspiracy theories and generally didn't give a damn about the consequences. Only recently a lunatic shot up a pizza joint because he believed the theory sponsored, among others, by Trump's favorite loon Alex Jones, that Hillary Clinton and John Podesta were running a child pornography ring out of the pizzeria basement. When asked whether he really believed that Clinton forged several million votes in California, RNC chairman Reince Priebus just said that "no one knows", voter suppression laws up and down the red states targeted minority voters and until today no Republican has disavowed birtherism. The depths to which they were ready to sink were staggering, and in 2016 at least, Democrats refused to follow. It cost them dearly.

The real question is whether it's worth it. Right now, some parts of the Democrats and their progressive allies are actively trying to undermine Trump's legitimacy, trying to sway the Electoral College with insinuations of Russian meddling and engaging in recounts with the vain hope to prove election fraud. It is an attempt to catch up, and I'm extremely wary of this. I can't say that I particularily care for this. Democracy has been almost mortally wounded by Republicans. Does it really need the coup de grace by the Democrats? Yes, they lost the election, and Congress as well, mainly due to what I can only see as despicable tactics by Republicans. But was Michelle Obama wrong to aim high when they went low?

As it is, the bad guys won. And I'm saying this consciously. If the Democrats currently trying for the same kind of tactics win out, the bad guys rule both parties. But Republicans have gone to some really dark places, and they're unapologetical about it. One can only hope that Obama is right when he says that the moral arc of the universe is long and bending towards justice. If he is, then some day, Republicans will reap what they sow and a better day will come. If he isn't, than they also reap, but the whole thing we have become comfortable with called "civilization" will go down with them. The stakes are high.

Montag, 5. Dezember 2016

Ein Versagen der Umfrageinstitute?

Die Umfrageinstitute haben sich eine ganze Menge Häme anhören müssen. Sie alle sagten unisono einen Sieg Clintons voraus; in den Wahrscheinlichkeitsrechnungen lag die Chance eines Clinton-Sieges zwischen 70% (beim hier recht konservativen 538) bis 99,8% (bei der Huffington Post). Im popular vote führte Clinton in Umfragen rund drei bis vier Prozent, im electoral college mit im Schnitt 300-310 Stimmen. Offensichtlich ist es so nicht gekommen. Zeigt dies aber wirklich ein komplettes Versagen der Demoskopie, wie allenthalben zu lesen war und ist? Oder lässt sich der Unterschied zwischen Vorhersage und Realität erklären, ohne gleich eine völlige Bedeutungslosigkeit der Institute zu postulieren? Tatsächlich scheint mir letzteres der Fall zu sein, und ich will im Folgenden erklären weshalb.

Während des gesamten Wahlkampfs fand zwischen den Aggregartoren - also Seiten, die alle Umfragen sammelten und in ein Modell eingaben, um ein Gesamtbild zu erhalten - ein Methodenstreit statt. Manche Modelle - wie etwa The Upshot oder Crystal Ball - sahen Clinton mit einer stabilen Führung zwischen 300 und 350 Stimmen im electoral college und drei bis fünf Prozent beim popular vote voraus. Andere Modelle - wie etwa das von 538 - arbeiteten mit einer weit größeren Unsicherheitskomponente, was zu wilden Schwüngen führte, von hohen Werten in der 80-90%-Wahrscheinlichkeitsreichweite eines Clintonsiegs bis zu Kopf-an-Kopf-Rennen.

Bevor wir sehen, woher diese Unterschiede kamen, noch kurz ein Wort zu meiner eigenen Position: ich ging während des Wahlkampfs davon aus, dass die statischeren Modelle (also die, die Clinton konsistent in Führung sahen) richtig waren und dass 538 wesentlich zu sensibel auf aktuelle Schlagzeilen reagierte (das klassische horse race), was erfahrungsgemäß wenig Auswirkungen auf das Ergebnis hat. Dies zeigte sich beispielsweise 2012: obwohl die Umfragewerte der Kandidaten teils wild hin- und herschwangen (nach der ersten TV-Debatte führte Romney etwa vor Obama), gewann Obama den Wahlkampf eindeutig. 538 hatte seinerzeit die Rolle übernommen, die in diesem Wahlkampf The Upshot und Crystal Ball spielten: sie erklärten einen permanenten Vorsprung Obamas, der sich am Ende auch bewahrheitete.

Demzugrunde liegt die Idee der so genannten fundamentals: die Wahlentscheidung der meisten Menschen steht bereits lange vor dem Wahltermin fest und wird vor allem durch exogene Faktoren bestimmt, etwa die Lage der Wirtschaft, die Demographie oder die Beliebtheitswerte des Amtsinhabers. Echte Unentschiedene gibt es nicht, stattdessen kommt es vor allem auf die Mobilisierung an. Die im Vergleich zu 2012 eher gestiegene Polarisierung schreibt die Wählerblöcke effektiv fest - und Trump und die Republicans generell schienen hier deutliche Nachteile gegenüber Clinton und den Democrats zu haben.

Relativ kurz vor dem Wahltermin gerieten der Chef von 538, Nate Silver, und der Huffington-Post-Reporter Ryan Grim wegen der Modelle aneinander. Silver erklärte die gigantisch hohe Chance für Clinton "fucking idiotic and unresponsible", während Grim Silver vorwarf, nur die Spannung anheizen zu wollen um Klicks zu generieren. Silvers Argument war im Endeffekt, dass die hohe Zahl an unentschiedenen Wählern (undecideds) akkurate Vorhersagen unmöglich mache, während Grim (und viele andere, etwa das renommierte Umfrageinstitut YouGov) sie für statistischen Lärm hielten ähnlich 2012. Der Streit ließ sich während des Wahlkampfs schlecht auflösen, denn beide Seiten hatten gute Argumente. Silver erklärte, dass die Zahl der undecideds echt war und unter anderem an den Personen Clintons und Trumps hing. Jede Vorhersage war daher deutlich in Gefahr, falsch zu liegen, weswegen der "nur" 65% Siegeschance für Clinton ausgab. YouGov dagegen erklärte, diese Zahlen seien statistische Artefakte und darauf zurückzuführen, dass die Wähler des Kandidaten, der gerade in den Umfragen und Schlagzeilen hinten lag, weniger stark auf Umfragen reagierten, aber trotzdem zur Wahl gingen, was die Schwünge erklären würde.

Wie es scheint, lag doch 538 richtig. Dies war aber, erneut, vor der Wahl nur schwer abzusehen, weil es auch für YouGovs Konkurrenz-Theorie eine ganze Latte von Indizien gab. Die Frustration, die aus vielen 538-Artikeln kurz vor und nach der Wahl spricht, hat ihren Ursprung daher auch nicht darin, dass nicht jeder das Licht gesehen hat und zu ihrem Modell konvertiert ist (eine Regel aller Umfrageinstitute und Aggregatoren ist, dass auf keinen Fall im laufenden Wahlkampf die Methodik geändert wird, weswegen auch offensichtliche Abweichmodelle wie der LA-Times-Poll, der konstant Trump als Gewinner des popular vote ausgab und damit - zu Recht - allein auf weiter Flur war, bei seinem Modell blieb), sondern dass viele Journalisten und Beobachter die Zahlen schlichtweg nicht richtig verstanden. Und an dieser Stelle muss ich mir selbst ebenfalls die Eselsmütze aufziehen und in die Ecke sitzen, denn da habe ich auch ordentlich mitgemischt.

Denn was hat 538 exakt gesagt? Die meiste Zeit sahen sie Clinton mit einer Gewinnchance um die 70%, die gegen Ende auf rund 65% abrutschte. Das klingt natürlich erstmal nach einer sauberen Sache, aber es bedeutet effektiv, dass sie in drei Wahlen zweimal gewinnt. Da aber nur eine Wahl abgehalten wird, hat sie ein echtes Problem, wenn die erste (und einzige) genau die der drei ist, die sie verliert (vereinfacht gesagt). Und genau das ist passiert. 538 lag also bei der Einschätzung der Chancen nicht schlecht. Korinthenkacker könnten jetzt einwenden, dass dasselbe natürlich auch für die 0,2% Chance eines Trump-Siegs beim Huffington-Post-Modell gilt, aber es ist wohl relativ klar, was davon zu halten wäre. Die große Unsicherheit, die 538 dazu führte konsistent Clintons Chancen niedriger anzugeben als praktisch die gesamte Konkurrenz, stammte von den rund 15% der Wähler, die sich als undecideds bezeichneten. Dieser Wert war abnormal hoch, und die meisten Umfrageinstitute gingen davon aus, dass er letztlich ein statistisches Artefakt war, während 538 ihn für bare Münze nahm. Hier spielt bei mir sicher auch die Blase des am Wahlkampf intensiv interessierten Beobachters eine Rolle: ich konnte (und kann bis heute) mir nicht vorstellen, wie jemand bei einer Wahl Clinton gegen Trump ernsthaft unentschieden sein kann. Aber offensichtlich ging es einer ganzen Menge Leute so, und die haben sich mehrheitlich in letzter Minute für Trump entschieden. Warum das so war, wird ein anderer Artikel in näherer Zukunft zu klären versuchen.

Die Frage der Wahrscheinlichkeit eines Sieges wäre damit geklärt - 538 lag mit ihrem Modell richtig(er), die meisten anderen falsch(er). Wenig zutreffend ist das billige Narrativ vom Versagen der Umfragen auch beim popular vote - hier waren die Umfragen sogar exakter als 2012! Vorhersagen lagen direkt vor dem Wahltermin bei einem Clinton-Sieg von rund 3%. Am Ende werden es wohl knapp über 2%. Das ist ungeheuer eng am realen Ergebnis und führt gleichzeitig zu einem ganz anderen Problem, nämlich den Umfragen auf der Bundesstaatenebene. Ein gerade im Vergleich zu 2008 und 2012 überraschend hoher Anteil an Staaten-Umfragen lag ordentlich daneben, und das nicht nur im Rust Belt (Wisconsin, Michigan, Pennsylvania et al) der Trump um Haaresschärfe den Sieg sicherte. Auch wenn es in der Berichterstattung (bisher) kaum eine Rolle spielt, Clinton lag zwar im Rust Belt unter den Voraussagen, in demokratischen Hochburgen wie Kalifornien und New York und im Sun Belt (die Staaten des tiefen Südens wie Arizona, Texas, Georgia et al) aber darüber. Das bringt ihr wenig, weil Kalifornien und New York so oder so demokratisch sind und der Sun Belt immer noch mehrheitlich republikanisch ist (aber Clinton verlor etwa Texas mit "nur" 8% Abstand zu Trump, wo Obama 2016 noch mit 16% Abstand verloren hatte, was eventuell in der Zukunft von Bedeutung sein könnte).

Warum also lagen die Bundesstaaten so daneben? Das hat vor allem zwei Ursachen. Die erste ist furchtbar banal: in vielen Staaten, besonders im entscheidenden Rust Belt, gab es in den Wochen vor der Wahl praktisch keine qualitativ hochwertigen Umfragen mehr, weswegen alle Modelle mit Hochrechnungen aus früheren Umfragen arbeiten mussten. Auch das war übrigens ein Faktor, auf den 538 immer wieder aufmerksam machte, ohne dass es viele Leute - mich eingeschlossen - interessiert hätte. Es scheint aber, als ob bis in den zwei Wochen vor der Wahl die Lage auch noch so hochrechenbar war, denn die Clinton-Wahlkampforganisation (die ja internes Umfragenmaterial hat) wurde erst in diesem Zeitraum plötzlich aktiv. Auch hier wird es an einem zukünftigen Artikel sein, die Gründe zu klären.

Der zweite Grund ist die Korrelation der Bundesstaaten. Auch wenn ich langsam wie eine hängengebliebene Schallplatte klinge: auch auf dieses Fakt hat 538 hingewiesen und damit die große Unsicherheit begründet. Was bedeutet Korrelation der Bundesstaaten? Wenn ein Trend sich in einem Rust-Belt-Staat verschiebt - etwa von Clinton zu Trump - dann verschiebt er sich auch in anderen Staaten mit, die eine kulturelle und geographische Affinität haben. Hat Clinton Probleme in Pennsylvania, dann hat sie auch Probleme in Wisconsin, Michigan und Ohio. Hat Trump Probleme in North Carolina, hat er auch Probleme in Georgia, South Carolina und Texas. Diese Mechanik konnte in den Umfrageschwüngen immer wieder beobachtet werden. Selten einmal verschoben sich nur ein oder zwei Staaten. Verpassten die Umfragen also den Trend in Pennsylvania, verpassten sie ihn auch im restlichen Rust Belt. Und genau das ist geschehen.

Die einzige noch zu klärende Frage ist damit, ob die Schwünge während des Wahlkampfs "echt" waren oder nicht. Statischere Modelle wie The Upshot und Crystal Ball gingen davon aus, dass sie keine realen Wählerwanderungen darstellten, sondern eher Abbild von Meinungen und Gefühlen waren, die aber durch die Polarisation elektoral bedeutungslos waren. Auch gehe ich mit 538: die Schwünge waren wohl echt. Auch hier wird die Begründung noch warten müssen: die Zahlen geben darauf keine eindeutige Antwort. Man sollte aber in jedem Falle die Demoskopie nicht in Bausch und Bogen verdammen. Für die vielen großen Unsicherheitsvariablen in einem inhärent unberechenbaren System (no guarantees in war and politics) waren die Ergebnisse immer noch erstaunlich gut.

Dienstag, 22. November 2016

Kommt erst mal aus eurer eigenen Blase raus!

Ob in Deutschland oder in den USA, die Zeitungen sind voll von Selbstkasteiungen: warum man Trump unterschätzt hat, wieso man es nicht hat kommen sehen, wieso man sich seiner selbst so sicher war. Verbunden ist es immer mit der Aufforderung, nun - unter dem Schock der Niederlage nach dem sicher geglauten Clinton-Sieg - die Blase der liberalen Küstenelite zu verlassen und einen Blick in die ländlichen Regionen zu werfen, die Trump zum Sieg verholfen haben, vom Rustbelt des Mittleren Westen über den Panhandle Floridas hin zu den Counties der Appalachen. Was Clinton das Genick schließlich brach waren Trumps knappe Siege in ihrer "Firewall", von Wisconsin über Michigan zu Pennsylvania. War es also liberale Arroganz, den Aufstand des real America nicht zu sehen? Waren wir in unseren culture wars verheddert und sahen nicht, dass sich Amerika von uns abwandte? Haben wir zu sehr "identity politics" betrieben und darüber vergessen, was wirklich zählt? Es ist ein schönes und gut greifbares Narrativ, und es ist kein Wunder, dass es gerade überall zu lesen ist. Es erhöht auch immer gleich den Schreiberling, der es entweder immer schon gewusst hat oder nun Bescheidenheit demonstrieren und sich auf die Siegerseite stellen kann. Es ist aber leider auch ungeheuer heuchlerisch.


Natürlich ist der Ruf nach Empathie nichts, was man ablehnen sollte. Empathie ist gut¹, und sicherlich bin ich wenigstens ein wenig schuldig darin, allzu theoretisch an die Lage herangegangen zu sein und den Statistiken über die Entwicklung der Arbeitslosenquote (nach unten) und der Reallöhne (nach oben) in 73 ununterbrochenen Monaten Obama-Präsidentschaft² gegenüber der gefühlten Realität in den Hochburgen der Weißen Arbeiterklasse (white working class, ein Begriff, der mit Trumps Wahl in keiner Analyse fehlen darf) zu viel Gewicht zugesprochen zu haben. Was mich auf die Palme bringt, ist aber die dahinterstehende Heuchelei, die den Leuten zu allem Überfluss nicht einmal bewusst ist, weil sie selbst in einer riesigen Blase stecken und selbst Identitätspolitik betreiben, nur eben für heterosexuelle Weiße.

Was ich damit meine? Obama siegte in zwei Wahlen hintereinander. Auf beide Wahlen reagierten die Republicans, indem sie ihm jegliche Legitimation absprachen und totale Obstruktionspolitik betrieben. Nie gab es eine große Welle der Introspektive bei den großen Zeitungen, die Empathie mit den Teilen der Obama-Koalition forderten, die bisher marginalisiert und stigmatisiert waren und nun mit Macht auf die politische Bühne gedrängt waren. Stattdessen entstand eine endlose Debatte über die außer Kontrolle geratende "political correctness". Im Ton größter Ernsthaftigkeit und Folgenschwere wurde die Frage diskutiert, ob es weißen Männern wirklich zumutbar ist, beim Sex das Einverständnis der Frau einzuholen, Schwarze als Nachbarn zu akzeptieren und Homosexuellen (und sind wir ehrlich: gemeint sind Schwule) das Recht zuzugestehen, sich in der Öffentlichkeit zu küssen.

Von all den culture-war-Themen, die in den letzten drei, vier Jahren die Schlagzeilen beherrschten, hat keine einen vergleichbaren Grad an Forderungen nach Empathie hervorgerufen. Dabei hätte gerade diese Empathie den backlash deutlich abmindern können, den so viele Journalisten und sonstige Beobachter nun mit unverhohlener Schadenfreude prognostizieren. Man kann das problemlos an diversen Beispielen erkennen.

So schrieben ernsthaft viele Journalisten, als Trumps Angeberei über seine eigenen sexuellen Übergriffe bekannt wurde, dass ja "jeder Mann" schon so geredet habe und dass das alles kaum ernstzunehmen sei, und überhaupt, wer könne schon jemals bei Frauen so genau sagen, ob ein Nein nicht doch ein Ja sei? Es entbrannte eine Debatte darüber, ob es für eine Frau unzumutbar sei, 600 Kilometer zur nächsten Abtreibungsklinik zu fahren oder ob die Unzumutbarkeitsgrenze erst bei 1000 Kilometern erreicht ist. Und als es um den Schutz von Vergewaltigungsopfern ging, drehte sich die Debatte fast augenblicklich um die Frage, ob denn den Männern zugemutet werden könne, einem solchen Verdachtsmoment ausgesetzt zu sein. Hätten die männliche Bevölkerung hier mehr Empathie gezeigt, Trump wäre heute vielleicht nicht Präsident.

So war eine große Diskussion auf den amerikanischen Campussen die Frage der so genannten micro-aggressions. Ein Großteil der Berichterstattung über diese Diskussionen, die - wie so häufig - unter dem Schirmbegriff der political correctness ablaufen, befasste sich mit der Frage, wie schlimm die Auswirkungen für weiße Männer sind, und kaum mit der Frage, woher die Befürchtungen kommen und welche Grundlage sie haben oder endete, Gott bewahre, mit einer Forderung nach Empathie (die der political correctness immer zugrunde liegt). Hätte die weiße Mehrheitsbevölkerung hier mehr Empathie gezeigt, Trump wäre heute vielleicht nicht Präsident.

So war die größte Bürgerrechtsbewegung der letzten zwei oder drei Dekaden, #BlackLivesMatter, von Anfang an in der Defensive. Schwarze sind mehrfach wahrscheinlicher das Opfer von unbegründeten Stopps, von Polizeigewalt, von Inhaftierung, von Tötung durch Polizisten. Nach Trayvon Martin, Ferguson und Eric Garner versuchte die #BlackLivesMatter-Bewegung, auf dieses gesellschaftliche Problem aufmerksam zu machen. Die Antwort des konservativen Amerika war nicht etwa Empathie, sondern die primitiv-dumme Retorte "All Lives Matter". Da konnten progressive Journalisten auch noch so oft erklären, wie falsch das ist - in den meisten Massenmedien war #BlackLivesMatter damit eine nur für die jeweilige Parteibasis relevante, zum reinen Wahlkampfslogan degenerierte sideshow. Hätte die weiße Mehrheitsbevölkerung hier mehr Empathie gezeigt, Trump wäre heute vielleicht nicht Präsident.

So wurde die unbedeutende Gesetzesänderung, Transsexuellen die Nutzung der für das "neue" Geschlecht angebrachten Toilette in öffentlichen Gebäuden zu erlauben, von den Republicans zu einem Wahlkampfhit aufgebläht, indem sie Transsexualität auf die gleiche Stufe wie Pädophilie stellten und so taten, als ob dank dieses Gesetzes nun Kinderschänder in die Duschräume des Mädchensports eindringen könnten. Ekel wie Mike Huckabee erklärten im Vorwahlkampf sogar rundheraus, dass sie genau das getan hätten, wenn ihnen das Gesetz die Möglichkeit gegeben hätte. Es wäre nicht einmal Empathie nötig gewesen, um diesem Unsinn einen Strich durch die Rechnung zu machen - eine einfache Recherche, was Transsexualität eigentlich ist, hätte ausgereicht. Und Trump wäre heute vielleicht nicht Präsident.

So konnte eine Diskussion über die Abschiebung von Millionen Minderjähriger in Länder, die sie noch nie besucht haben, deren Kultur ihnen fremd ist und deren Sprache sie teils gar nicht beherrschen, völlig ohne eine nähere Betrachtung der Personen auskommen, um die es geht. Als Trump ankündigte, eine Grenzmauer bauen und Millionen abschieben zu wollen, fertigten zig Reporter investigative Reportagen über die weißen Grenzmilizen an, die in ihrer Freizeit versuchen illegale Migranten teils mit Waffengewalt aufzuhalten. Die empathischen Reportagen über die Millionen, um die es dabei eigentlich ging, kann man mit der Lupe suchen. Hätte die weiße Mehrheitsbevölkerung Empathie für die DREAMers gezeigt, Trump wäre heute vielleicht nicht Präsident.

So führte eine Forderung Donald Trumps, auf unbestimmte Zeit allen Muslimen, auch solchen mit amerikanischem Pass, die Einreise in die USA zu verbieten, hauptsächlich zu abstrakten Diskussionen über die Frage, wie verfassungsgemäß ein solcher muslim ban eigentlich sei. Kaum jemand fand etwas dabei, dass konservative Rechtsgelehrte dabei positiv auf den Präzendenzfall der japanischen Internierungslager im Zweiten Weltkrieg verwiesen. Hätte die weiße Mehrheitsbevölkerung Empathie für diese flagrante Gleichsetzung aller Muslime, egal aus welchem Land und Kulturkreis, mit IS-Terroristen gezeigt, statt das einfach als gegeben hinzunehmen, Trump wäre heute vielleicht nicht Präsident.

So war die Reaktion vieler Medien auf die Benennung von rechtsextremen Figuren erstaunlich gedämpft. Breitbart-Chef Steve Bannon, sich offen als "weißen Nationalisten" bezeichnet, wird gerne mit dem unverfänglichen Prädikat "umstritten" benannt. Jeff Sessions, dem 1986 die Ernennung zum Bundesrichter wegen seines amtlich festgestellten Rassismus' versagt wurde, ist jetzt heißer Anwärter auf das Amt des Bundesstaatsanwalts (attorney general). Trump erhielt glühende endorsements vom Ku-Klux-Klan und tat so, als wüsste er gar nicht wirklich was das ist, ohne dass er dafür allzu hart kritisiert worden wäre. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Diese Figuren sind für die meisten Journalisten keine Bedrohung, denn sie richten sich gegen Minderheiten, und die sind im Journalismus weiterhin selten. Hätte die weiße Mehrheitsbevölkerung mehr Empathie mit jenen Bevölkerungsgruppen gezeigt, die von den Zukunftsvorstellungen solcher Figuren tatsächlich existenziell bedroht sind, Trump wäre heute vielleicht nicht Präsident.

Diese Empathie aber wurde nicht gewährt. Auf der anderen Seite gab es dagegen eine ganze Reihe von großartigen und sensiblen Reportagen in "Trumpland", ob in Mother Jones oder glühenden Besprechungen von J.D. Vances "Hillbilly Elegy" ("book of the times"). Die vielbeschworene Empathie mit den zurückgelassenen weißen Fabrikarbeitern aus dem Rustbelt oder den Kohlekumpeln aus den Blue Ridge Mountains, sie war allgegenwärtig. Nur hatte sie stets einen Beigeschmack von Abgesang angesichts katastrophaler Umfragewerte für Trump. Die angeblichen Beschimpfungen von Trump-Wählern aber, die als argumentativer Strohmann von wahlweise in scheinheiliger Selbstkritik oder vergnügter Schadenfreude suhlendenen Journalisten links wie rechts niedergerissen werden, waren kaum das beherrschende Merkmal des Wahlkampfs. Praktisch alle professionellen Beobachter des Wahlkampfs waren auch immer vorsichtig darin, Trumps Wählern zu bescheinigen, Rassismus entweder zu ignorieren oder rassistische Äußerungen zu tätigen, bezeichneten sie aber nicht in Bausch und Bogen als Rassisten. Selbst Clinton gab sich Mühe, nur die Hälfte seiner Wähler im "basket of deplorables" zu verorten. Solch feine Distinktionen gehen in der Hitze des Gefechts natürlich unter und mögen für die meisten auch irrelevant sein, aber es ist wahrlich nicht so, als ob man sie seinen eigenen Gegnern auf der political-correctness-Front gewährt hätte.

Man kann sich an dieser Stelle natürlich die Frage herstellen, woher diese mangelnde Empathie kommt. Wie so häufig wird man dabei um die Erkenntnis nicht herumkommen, dass es nicht den einen Grund, das eine Problem gibt, das zu lösen zur Beseitigung des Problems führt. Stattdessen haben wir es mit einer Menge an Faktoren zu tun. Ein wichtiger Grund ist sicherlich der mangelnde Kontakt mit den Betroffenen. Dass dies im Falle der White Working Class als allgemeines Problem erkannt und durch diverse große Recherchereisen in die betroffenen Regionen ausgeglichen wurde, zeigt deutlich den Mangel an Problembewusstsein für die Lage dieser Gruppen. In den Medien sind Afroamerikaner und Latinos deutlich unterrepräsentiert, dasselbe gilt auch für Frauen, besonders in den höheren Positionen der Meinungsindustrie. Man sehe sich nur mal das durchschnittliche CNN-Expertenpanel an. Ein weiterer Effekt, der sich bei dieser Wahl besonders bemerkbar machte, ist die soft bigotry of low expectations, konkret: ein Kandidat wie Trump bekommt massenhaft positive Überschriften, wenn er mal einen Tag keine rassistischen Äußerungen tut - eine ungeheure Senkung des Standards, die ihm stark entgegen kommt. Am bekanntesten ist der Effekt bei den TV-Debatten, wo Trump in den Bewertungen der Journalisten teilweise einen Gleichstand erzielte, weil er nicht über die eigenen Schnürsenkel stolperte und man überhaupt nicht erst versuchte, seinen Wortsalat zu analysieren. Rassismus und grobe Unkenntnis in allen Sachfragen waren quasi bereits eingepreist. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Solange also unwidersprochen Äußerungen in den Zeitungen stehen, die eine Gleichsetzung Amerikas mit dem weißen Amerika Trumps beinhalten, kann man all den Kritikern der Identitätspolitik und Social Justice Warriors nur zurufen: Kommt erst mal aus eurer eigenen Blase raus.

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¹Was nicht gleichbedeutend mit Freispruch ist, was Jamelle Bouie gut beschreibt.

² Ein bisschen passiv-aggressiv, ich weiß, aber seht's mir nach. Es ist erst eine Woche her.

Dienstag, 25. Oktober 2016

Der Mythos von der Wechselstimmung

Ein nicht totzukriegender Mythos der US-Wahlen 2016 ist die Idee, dass der grundsätzliche Trend den Republicans in die Hände spielen muss. Die grundsätzliche Geschichte lautet in etwa so: Nach acht Jahren Obama und einer weiterhin miesen Wirtschaftslage verlangt die Wählerschaft nach einem Wechsel. Eine solche Stimmung befördert stets die Oppositionspartei und innerparteiliche Konkurrenz. Bernie Sanders große Erfolge und Trumps Nominierung sind der Ausdruck davon, ebenso die hohen unfavorables für Hillary Clinton. Würde Clinton nicht gegen einen politischen Amateur wie Trump und seine zahllosen Fehler antreten, sondern gegen [hier Lieblings-Republican einsetzen], dann würde sie klar verlieren. Das klingt vernünftig und logisch. Leider ist es weder das eine noch das andere, sondern vor allem eine Kombination aus einer tollen Geschichte und zu simpel gedachten Mechanismen. In Wirklichkeit ist 2016 kein Wechseljahr, und die Republicans haben nicht irgendeinen eingebauten Vorteil mit der Aufstellung Trumps verspielt. Ich werde im Folgenden versuchen, diese These zu begründen.

Da wäre zum einen die Regel, dass nach acht Jahren Präsidentschaft die in-house-Partei einen Nachteil hätte: in diesem Fall die aktuell das titelgebende Weiße Haus besetzenden Democrats. Und das scheint auch Sinn zu ergeben: Obama folgte auf acht Jahre Bush. Der folgte auf acht Jahre Clinton. Vor Clinton regierte zwar ein Republican in der dritten Amtszeit, aber das war der ungeheuren Schwäche des damaligen Kandidaten Dukakis und der Beliebtheit Reagans zu verdanken. Auf acht Jahre Nixon/Ford folgte Carter. Auf acht Jahre Kennedy/Johnson Nixon. Auf acht Jahre Eisenhower Kennedy. Das ist eine schöne, weil greifbare Regel. Nur leider ist es keine Regel, sondern ein statistisches Artefakt. Was ist damit gemeint?

Das Problem bei allen Regeln, die man für US-Wahlen aufzustellen versucht, ist die geringe Menge an Daten. Seit 1972 - der ersten Wahl mit dem modernen Parteisystem mit Vorwahlen - haben gerade einmal elf Wahlen stattgefunden (2016 ist die zwölfte). Davon stand in acht Wahlen ein amtierender Präsident zur Wahl (nur 1988, 2000 und 2008 und jetzt 2016 nicht). Da erst seit 1984 überhaupt vernünftige Umfragen auf Bundesstaatenebene stattfinden, wird das repräsentative Datenpaket noch kleiner. Jede "Regel" muss vor diesem Hintergrund blanker Zufall sein. Das gilt auch für die Idee, dass nach zwei vollen Amtszeiten einer Partei die andere Partei im Aufwind ist. Das stimmte 2008, aber Bush war ein historisch mieser Präsident. Sowohl 1976 (Ford gegen Carter) als auch 2000 (Bush gegen Gore) war die Wahl extrem knapp; tatsächlich sind gerade diese zwei Wahlen die knappsten im Untersuchungszeitraum! 1988 war auch nach zwei Amtszeiten Reagan keine Wechselstimmung, und Bush (der Ältere) gewann deutlich gegen Herausforderer Dukakis. Man verzeihe mir die ausführliche Auflistung, denn das waren bereits alle Beispiele.

Selbst wenn ich in der Zeit vor die Epoche der demokratischen Vorwahlen zurückgehe, erkennt man kein klares Muster. Die Wahl 1968 (nach acht Jahren Kennedy/Johnson) war ebenfalls extrem knapp. Die Wahl 1960 (nach acht Jahren Eisenhower) war die knappste bis zum Jahr 2000. Davor regierten die Democrats ununterbrochen für 20 Jahre! Vor dieser Epoche war Dominanz der Republicans im Weißen Haus seit 1860 durch gerade einmal drei Democrats unterbrochen. Eine Regel, die irgendeine Schlussfolgerung für 2016 zulässt, ist daraus schlicht nicht abzuleiten. Das heißt natürlich auch, dass nichts durch die bloße Länge der vorherigen Amtszeiten gegen einen Vorteil der Republicans sprechen würde. Wir müssen nur offensichtlich andere Indikatoren betrachten.

Da wären etwa die so genannten Fundamentals - Arbeitslosenrate, Wirtschaftswachstum, Konsumentenzuversicht, etc -, die laut einem einflussreichen Zweig der Politikwissenschaftler der bestimmtende, strukturelle Faktor beim Ausgang von Wahlen darstellen. Aber diese Theorie hat bereits 2012 Risse erhalten, als die fundamentals eigentlich für Romney sprachen, ohne dass sich das für ihn ausgewirkt hätte. Dieses Jahr würden sie, falls die Theorie Bestand hätte, für die Democrats sprechen, denn das Wirtschaftswachstum zieht langsam an, die Arbeitslosenrate ist auf einem historischen Tiefstand und die Amerikaner sind mehrheitlich optimistisch, was die Zukunftaussichten angeht. Aber die fundamentals scheinen mir als Erklärungskategorie überbewertet, wie es so häufig bei großen Theorien der Fall ist.

Also keine fundamentals. Aber sicherlich haben die Amerikaner keine Lust auf eine dritte Amtszeit Obama. Nicht umsonst haben sie bei jeder Gelegenheit versucht, Clinton an ihre Amtszeit als Außenministerin zu ketten und in eine Kontinuität mit Obamas Regierung zu stellen. Spätestens als Clinton dieses Fakt mit offenen Armen an sich gedrückt hat - bereits in den Vorwahlen gegen Bernie Sanders - hätte eigentlich allen Beteiligten auffallen können, dass da etwas nicht stimmt. Und tatsächlich: Obamas Zustimmungswerte (approval ratings) steigen seit Monaten kontinuierlich an. Ist die historische Erfahrung irgendein Indikator, dann wird dieser Trend auch weiter anhalten. Und bevor jemand clever auf die geringe empirische Basis hinweist: ein Trend nicht nur mit Präsidenten, sondern mit Amtsträgern generell. Clinton selbst hatte nach dem Ausscheiden aus dem Amt ein approval rating von 76%. Die Wähler hassen den Wahlkampf und die tatsächliche Politik, aber sobald jemand aufhört, wird er oder sie schon positiver gesehen. Das gilt selbst für Bush (den Jüngeren). Ein hypothetischer sich um eine dritte Amzszeit bewerbender Obama würde übrigens alle Kandidaten, inklusive Bernie Sanders, spielend schlagen. Aber das nur nebenbei.

Also kein negativer Obama-Effekt. Aber was ist mit der Unzufriedenheit der Amerikaner an der generellen Richtung, in die sich alles entwickelt? Eine Zwei-Drittel-Mehrheit der Amerikaner empfindet diese Richtung als falsch. Die Frage, ob es "in the right direction" geht oder ob sich das Land "on the wrong track" befindet, wird in den Umfragen seit 1972 gestellt. Durch Obamas gesamte Amtszeit hindurch lag der Wert für die "right direction" nie höher als 45% (im Juni 2009) und im Mittel deutlich unter 40%. Das klingt für die Vertreter der Wechselstimmung schon deutlich vielversprechender. Aber nein, auch hier ist nichts zu sehen. Denn die Amerikaner haben seit 1972 selten das Land "in the right direction" gehen sehen. Die Mehrheit empfindet es fast immer als "on the wrong track". Das liegt schlicht daran, dass die Frage dumm gestellt ist, denn sie gibt keine Möglichkeit zu sagen, warum man die Richtung als falsch empfindet. Schlüsselt man - wie YouGov das getan hat - die aktuellste Umfrage, in der 61% eine falsche Weichenstellung postulieren, auf, so findet man, dass von diesen 61% ein Drittel Obama und den Democrats, ein weiteres Drittel irgendwie allen und ein letztes Drittel entweder den Republicans oder niemandem die Schuld gibt. Zusammen mit den 29%, die das Land sich ordentlich entwickeln sehen, ergibt sich die übliche Spaltung des Landes entlang etwa der Hälfte der Bevölkerung. Diese Spaltung verläuft entlang der Parteilinien - und ist damit ideologisch motiviert. Die ganze Fragekategorie ist völlig wertlos (und war es auch bei Bush), was sie natürlich nicht am Missbrauch durch die jeweilige Oppositionspartei hindert. Nur eine Wechselstimmung begründet sie halt auch nicht.

Also kein eindeutiger wrong track. Welche Argumente für eine Wechselstimmung bleiben da noch übrig? Die große Attraktivität von Außenseiterkandidaten, die ständige Forderung nach ihnen und ihre Erfolge erst 2012 (Herman Cain) und nun 2016 (Ben Carson, Carly Fiorina, Donald Trump) scheinen eine allgemeine Unzufriedenheit zu konstatieren. Aber: wie auch die wrong-track-Frage ist die Forderung nach den Außenseitern, die unbefleckt und rein nach Washington kommen, ein Dauerbrenner. Von Jimmy Carter über Ronald Reagan zu Michael Dukakis, Bill Clinton, George W. Bush, John McCain und Mitt Romney inszenierten sich fast alle Kandidaten als Außenseiter. Nur sehr wenigen war dies schlicht - wie Hillary Clinton unmöglich (George H. W. Bush, Al Gore), und selbst die haben es versucht. Der Außenseiter ist ein politischer Dauerbrenner, ebenso wie der ausgeglichene Haushalt ohne neue Schulden. Oft beschworen, selten gesehen und eigentlich auch nicht ernsthaft gewollt. Man sieht dieses Jahr, warum.

Also auch keine Außenseiter. Wie sieht es mit den Bundesstaaten aus? Hier sind die Democrats im Aufschwung und hoffen auf eine Übernahme des Senats und eine deutliche Verbesserung im Repräsentantenhaus. Während dies im Senat leicht auf die zur Wahl stehenden Sitze (nicht Kandidaten!) zurückgeführt werden kann - wesentlich mehr Republicans als Democrats stehen zur Wahl - sieht es im Repräsentantenhaus auch nicht gerade so aus, als würden die Democrats für die letzten acht Jahre abgestraft. Wenn überhaupt geht es den Republicans so. Diese Faktoren sind zugegebenermaßen die nebulösesten, da in Jahren mit einer Präsidentschaftswahl die Wahlbeteiligung unter Anhängern der Democrats höher ist und zudem lokale Begegebenheiten eine deutliche Rolle spielen. Das spricht aber allenfalls gegen einen Vorteil der Democrats und kaum für einen Vorteil der Republicans.

Also auch hier keine echte Wechselstimmung. Bleibt eigentlich nur eins: die große Unbeliebtheit Hillary Clintons. Ihre favorability-Werte sind tatsächlich, gelinde gesagt, ausbaufähig. Dass ihr in diesem Wahlkampf Trumps noch deutlich miesere Werte entgegenkommen, dürfte ein offenes Geheimnis sein. Gegen einen qualifizierteren Gegner hätte sie es vielleicht schwerer. Wir werden diese Argumentation in einem kommenden Post deutlich genauer untersuchen, von daher will ich ihm an dieser Stelle den benefit of the doubt geben: die Begeisterung über Hillary hält sich in Grenzen (Bill Maher: "Am I ready for Hillary? Yes. Am I excited for Hillary? No.") Ein Wechselkandidat hätte hier vermutlich Vorteile. Nur: das spricht nicht für eine strukturelle Wechselstimmung von Democrats zu Republicans.

Der Mythos von einer weit verbreiteten Wechselstimmung, der die Democrats nur wegen der außerordentlichen Schwäche Trumps entkommen, ist daher genau das: ein Mythos. Solange sich die Republicans einreden, dass alles für sie arbeitet, nur, leider, leider, Trump einige unbedachte Aussagen gemacht hat, wird Clinton Favoritin für ihre Wiederwahl 2020 bleiben.

Samstag, 15. Oktober 2016

Kriegen nur Altruisten Kinder? Eine Replik auf "Die Ego-No-Kids-Gesellschaft"

In seinem Text "Die Ego-No-Kids-Gesellschaft" stellt Stefan Pietsch die These auf, dass die seit den 1960er Jahren mehr oder weniger konstant gesunkene Geburtenrate auf den Egoismus der Generation Y zurückzuführen sei, für die Kinder schlicht nicht mehr ins Lebenskonzept passen und dass dies ein enormes Problem für die Zukunft der Nation sei. Regelmäßige Leser dieses Blogs sollte es nicht überraschen, dass ich diesen Thesen und den darunterliegenden Prämissen nur sehr eingeschränkt zustimmen kann. Im Folgenden soll der Artikel Stück für Stück kommentiert werden.

Pietsch beginnt mit einer anekdotischen Bestandsaufnahme des Straßenbilds: wo in seiner eigenen Jugend in den 1970er Jahren noch spielende Kinder zum Straßenbild gehörten und die Familienfeste bevölkerten, herrscht heute triste, kinderlose Leere. Dies ist selbstverständlich auch eine Folge der sinkenden Geburtenrate und den dadurch abnehmenden Kinderzahlen. Aber auch andere Faktoren spielen eine Rolle dabei, dass heutzutage wesentlich weniger Kinder draußen spielend angetroffen werden können als heute. Das beginnt mit der von Konservativen (allen voran Manfred Spitzer) gerne beklagten Zunahme elektronischer Unterhaltungsmedien, die neue und attraktive Möglichkeiten der häuslichen Freizeitgestaltung öffnet. Das geht weiter mit der starken Zunahme der Schulzeit. Wo noch in meiner eigenen Jugend der Nachmittagsunterricht bis zur Oberstufe eher die Ausnahme war, ist er heute die Regel. Das mündet im Wandel des Familienalltags durch Verschiebungen im Berufsleben, aber dazu später mehr.

Und es wird beeinflusst durch die Gestaltung der Infrastruktur: in Pietschs Beschwörung der kindlichen Idylle von 1975 waren in Deutschland 17,9 Millionen PkW zugelassen. Als ich um 1990 im gleichen Alter war, waren es 30,6 Millionen. Meine Kinder dürfen nicht alleine nach draußen, denn vor unserem Haus fahren laut kommunaler Messung rund 90 Autos pro Stunde vorbei, kein Wunder bei 45 zugelassenen PkW im Jahr 2016¹ - und da ist die noch viel dramatischere Steigerung an LkW noch nicht eingerechnet. Es sind also nicht nur die Helikoptereltern, die die "auf sich selbst aufpassenden" Kinder heutzutage unmöglich machen, es ist auch der Wandel im kommunalen Bild. Man sehe sich einmal Fotos aus den Städten der 1970er Jahre an und vergleiche sie mit heute.

Natürlich hat Pietsch völlig Recht, dass heute statistisch weniger Spielkameraden in direkter Reichweite wohnen. Aber mein vierjähriger Sohn hat allein in unserem Kaff (praktisch alles in zehn Gehminuten erreichbar) diverse Freunde in seinem Alter (soweit Kinder in dem Alter halt bereits Freunde haben), so dass ich mir deswegen keine allzu großen Sorgen mache. Wesentlich bedeutsamer scheint mir da die Distanz zu anderen Familienmitgliedern zu sein. Wo ein nahes Wohnen an den Eltern oder Großeltern nicht mehr die Regel ist, wird die Betreuungssituation für den eigenen Nachwuchs deutlich erschwert. Das muss früher tatsächlich besser gewesen sein, zumindest wenn ich meiner eigenen Erfahrung als Kind eine gewisse Repräsentanz beimessen darf.

Bleiben zwei große Argumente Pietschs: dass die geänderte Arbeitswelt als Faktor überschätzt wird, und dass es deutlich relevanter ist, dass der Generation Y Kinder kein "erfüllender Lebensinhalt" mehr sind. Daran Schuld sind "Karrierefrauen" wie von der Leyen und "gelernte Sozialistinnen" wie Schwesig. Alles klar. Schauen wir beides nacheinander an.

Die Frage der Bedeutung nach der geänderten Arbeitswelt haben wir auf dem Blog hier bereits öfter diskutiert; es sollte daher für den geneigten Leser keine große Überraschung sein, dass ich diesem Faktor eine wesentlich größere Bedeutung beimesse als Pietsch, der das mit einem Verweis auf die fast ungeänderten Arbeitswege beiseite wischt². Während es natürlich auch schön ist, dass die große Mehrheit der Erwerbstätigen in unter einer Dreiviertelstunde zur Arbeit kommt, so bleibt es doch ein Fakt, dass Arbeitswelt sich seit 1970 massiv geändert hat. So betrug die Zahl der erwerbstätigen Frauen 1970 gerade einmal 45,9%. Im Jahr 2011 betrug sie 71%. Im gleichen Zeitraum sank die Erwerbsquote von Männern von 87,7% auf rund 81%. Natürlich kann man so tun, als ob das nur an der ungeheuren Vorliebe für BMW i3 liege, die Aldi-Kassiererinnen haben. Im Unterschied zu Stefan Pietsch gehe ich aber davon aus, dass der Druck für eine Vollerwerbstätigkeit beider Partner, der die letzten 20 Jahre gekennzeichnet hat, eine massive Rolle dabei spielt.

Dies hat gleich mehrere Konsequenzen. Während früher ein Allein- oder wenigstens Haupternährermodell die Regel war, wird heute eine annähernde Parität mit zwei Vollzeitjobs angestrebt³. Gleichzeitig ist mittlerweile erschöpfend belegt, dass es nur wenig der optimistischen Zukunftsbetrachtung abträgliche Zustände wie Arbeitslosigkeit gibt, besonders wenn diese beim Mann vorliegt. Die gesunkene Erwerbsquote bei Männern spricht hier also ebenso eine deutliche Sprache wie die drastisch gestiegene Erwerbsquote von Frauen. Dazu haben sich seit 1970 zwar die Arbeitsstunden pro Erwerbstätigem von rund 1900 auf rund 1400 gesenkt; gleichzeitig aber hat die Erwerbstätigkeit insgesamt in stärkerem Maße zugenommen. Der Anstieg am Bedarf an ganztägiger Kinderbetreuung kommt ja nicht von ungefähr.

Die geänderte Arbeitswelt hat also deutlich stärkeren Einfluss auf die Geburtenraten, als es Stefan Pietsch wahrhaben will, für den das alles rein private Entscheidungen sind, weswegen er auch zu der übersteigerten These vom Egoismus der Generation Y kommt. Es bleibt noch zu belegen, ob die Erwartungen an den Lebensstandard gestiegen sind (Stichwort iPhone und BMW i3) oder ob die kontinuierliche Senkung der Reallöhne der ausschlaggebendere Faktor ist; diese Frage soll hier nicht verhandelt werden. Die Konsequenz ist in beiden Fällen aber dieselbe: sinkende Geburtenraten. Was aber ist vom anderen Argument Pietschs zu halten, dass meine Generation einfach keine Kinder mehr haben will?

Auch hier enthält seine Analyse mehr als ein Körnchen Wahrheit, aber seine Erklärung mit dem "Egoismus" greift zu kurz. Zwar ist es korrekt, wenn er erklärt, dass für Frauen Kinder nicht mehr in allen Fällen ein "erfüllender Lebensinhalt" sind und gegenüber anderen Lebenszielen - etwa einer Karriere - hintenangestellt werden. Aber Pietsch begeht hier den typischen Fehler von Konservativen, indem er sein eigenes in der Vergangenheit verankertes Wertesystem als Naturgesetz betrachtet und das Wertesystem der nächsten Generation als fremdgesteuertes Produkt übelwollender, linker Eliten verkauft. Denn selbstverständlich entscheiden sich viele Frauen heute mehr oder weniger bewusst zu einem Verzögern ihres Kinderwunschs, haben erst gar keinen oder geben sich mit ein oder zwei Kindern zufrieden. Das kann man als Egoismus betrachten, aber das funktioniert nur wenn man ignoriert, dass die hohen Geburtenraten des Jahres 1967 ebenfalls auf Egoismus beruhten, nur dem der Männer.

Denn der heute deutlich prononcierteren Selbstentfaltung von Frauen gerade im zeitintensiven Berufsumfeld steht eine frühere Unterdrückung solcher Lebensentwürfe gegenüber. Zum vollständigen Bild gehört eben auch, dass Kindeserziehung und -betreuung früher praktisch reine Frauensache war. Die bereits erwähnten 1900 Arbeitsstunden, die im Durchschnitt damals noch erbracht wurden, sprechen eine ebenso deutliche Sprache wie das DGB-Plakat von 1956, in dem im Interesse der Familienzeit ein freier Samstag gefordert wurde. Angesichts der damalig geringen Verbreitungsdichte an Kindergärten fiel die Last dieser Arbeit auf Frauen, denen eine eigene Entfaltung damit völlig unmöglich war. Der wesentlich höhere gesellschaftliche Druck, dem patriarchalischen Modell zu genügen und Kinder zu bekommen, tut da sein Übriges. Die Erwartungen an Väter sind heute deutlich gestiegen, und es spricht nicht eben für uns, dass wir auf diese gestiegenen Erwartungen - die immer noch deutlich unter denen an Mütter liegen - wesentlich häufiger selbst eine Kinderabstinenz wählen. Unter diesen Umständen den Frauen "Egoismus" vorzuwerfen erscheint mir mehr als nur ein bisschen scheinheilig.

Daher hat Pietsch natürlich Recht, wenn er herausstellt, dass die Verbreitung von Kinderbetreuungseinrichtungen alleine keine hinreichende Bedingung für eine steigende Geburtenrate ist. Wie so häufig ist die Gesamtantwort eben doch ein wenig komplizierter. Der von ihm beklagte Hedonismus spielt dabei sicherlich auch eine Rolle, aber die geänderte Arbeitswelt und die progressiveren Geschlechterrollen spielen ebenso eine Rolle. Sie als Fortschritt zu begreifen, den es zu begrüßen und auszubauen gilt, ist die wahre Herausforderung unserer Tage, und nicht zu versuchen, Frauen durch Vorwurf von Egoismus zu beschämen. Wir sind alle gefragt. Kinder großzuziehen ist keine Aufgabe von Frauen zwischen 20 und 40, sondern eine Aufgabe für die ganze Gesellschaft - ob als Väter, als Großeltern oder als Steuerzahler in der großen Solidargemeinschaft aller Bürger.

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¹ Alle Zahlen von hier.

² Ich habe etwa hier, hier und hier dazu geschrieben.

³ Pars pro toto mag hier die sozialistischer Gesellschaftsveränderung unverdächtige INSM stehen: "Im Bereich der qualifizierten Leistungserbringer, die sich insbesondere in der mittleren Generation befinden, müssen die Erwerbsquoten steigen. Ein erhebliches Potenzial bieten hier Frauen, deren Erwerbsquote in den letzten Jahren zwar deutlich gestiegen ist, aber noch immer deutlich unter der von Männern liegt. Damit dies möglich wird, muss die Vereinbarkeit von Familie und Beruf weiter verbessert werden. Dazu ist insbesondere eine qualitativ bessere Kinderbetreuung notwendig."

Donnerstag, 13. Oktober 2016

Kandidat Bernie: kontrafaktische Überlegungen

Während der Wahlkampf sich mit Trumps politischem Selbstmord einem immer zwingenderem Wahlsieg Clintons entgegenzuschieben scheint, drängt sich besonders unter liberalen Kritikern Clintons die Frage auf, ob nicht Bernie Sanders hätte gegen Trump mindestens ebenso gut gewinnen müssen - wenn nicht ebenso hoch. Schließlich bringt Bernie nichts von Clintons Ballast an Emailkontroversen, Lungenentzündungen, Falken-Außenpolitik und Goldman-Sachs-Reden mit sich. Solche kontrafaktischen Überlegungen, besonders wenn sie einen Teil der Parameter einfach auf dem für das jeweilige Argument besten Stand einfrieren, sind natürlich immer problematisch. Sanders' Image ist auf seinem politischen Höhepunkt eingefroren, kurz vor dem Ende der Vorwahlen und dem DNC Parteitag, während Clinton seither monatelang brutalen Wahlkampf gegen Trump führte. Trotzdem soll hier ein Versuch unternommen werden, eine hypothetische Präsidentschaftskandidatur Sanders' für die Democrats gegen Trump zu skizzieren.

Ich möchte mit dem Bekenntnis beginnen, dass es mir überraschend schwerfällt, ein eindeutiges Urteil über den Verlauf zu fällen. Würde Sanders untergehen? Knapp verlieren? Knapp gewinnen? Auf Clinton-Level liegen? Sie übertreffen? Als ich begann, mir für diesen Artikel Gedanken zu machen ging ich davon aus, dass dies offensichtlich sein müsste, aber so einfach ist die Lage natürlich nie. Beginnen wir also mit einer Skizzierung eines Bernie-Siegs in den Vorwahlen im Unterschied zur Realität, der Original Time Line (OTL).

Während der Wahlkampf sich mit Trumps politischem Selbstmord einem immer zwingenderem Wahlsieg Clintons entgegenzuschieben scheint, drängt sich besonders unter liberalen Kritikern Clintons die Frage auf, ob nicht Bernie Sanders hätte gegen Trump mindestens ebenso gut gewinnen müssen - wenn nicht ebenso hoch. Schließlich bringt Bernie nichts von Clintons Ballast an Emailkontroversen, Lungenentzündungen, Falken-Außenpolitik und Goldman-Sachs-Reden mit sich. Solche kontrafaktischen Überlegungen, besonders wenn sie einen Teil der Parameter einfach auf dem für das jeweilige Argument besten Stand einfrieren, sind natürlich immer problematisch. Sanders' Image ist auf seinem politischen Höhepunkt eingefroren, kurz vor dem Ende der Vorwahlen und dem DNC Parteitag, während Clinton seither monatelang brutalen Wahlkampf gegen Trump führte. Trotzdem soll hier ein Versuch unternommen werden, eine hypothetische Präsidentschaftskandidatur Sanders' für die Democrats gegen Trump zu skizzieren.

Damit Sanders gewinnt, muss eine von zwei Bedingungen gegeben sein. Entweder schneidet er in den frühen Vorwahlen im Süden und Westen bis zum Super Tuesday besser ab als OTL, oder Clinton stolpert in der zweiten Hälfte der primaries über einen Skandal, der Sanders als besseren Ausweg als ihre Nominierung erscheinen lässt. Welcher der beiden Fälle auch eintrifft, 2008 gibt uns einen guten Vergleich für das, was gefolgt wäre: ein harter Zweikampf mit allen Bandagen. Ohne ihre komfortable Führung hätte Clinton sicherlich nicht den moralischen high-ground bewahrt und praktisch völlig von Angriffen auf Sanders abgesehen; er seinerseits hätte wohl noch härter zugeschlagen, als er es ohnehin getan hat. Für Clinton heißt das deutlich direktere Attacken auf ihren Charakter, die Emails und die Reden für Goldman Sachs sowie ihre außenpolitischen Entscheidungen. Für Sanders heißt das Rückgriffe auf seine Vergangenheit als Aktivist und Kongressabgeordneter, seine NRA-Freundlichkeit, seine Forderung im Jahr 2012 Obama in den Vorwahlen herauszufordern und auf seine Identifizierung als Sozialist.

Hier haben wir aber bereits das erste Problem. Wir können ohne Probleme ein kontrafaktisches Szenario von Sanders-Angriffen auf Clinton entwerfen, weil ihre Schwachpunkte alle bekannt sind (und mehrheitlich gerade von Trump durch die Mangel gedreht werden). Von Sanders wissen wir nur sehr wenig, weil Clinton ihre eigenen zweifellos betriebenen Nachforschungen nicht verwendet hat und die Republicans, in einem Spiegelbild von Clintons Strategie gegenüber Trump, in den Vorwahlen betont freundlich und zurückhaltend gegenüber dem Senator waren. Dieser Faktor wird später noch bedeutend werden.

Wir gehen nun aber davon aus, dass Sanders einen knappen Sieg gegen Clinton erzielt, im Rahmen von Obamas Sieg 2008 oder sogar noch knapper. Die Stimmung in der Partei ist mies, weil das Parteiestablishment auf Clintons Seite und der Wahlkampf hässlich war, weswegen nun ein latent schwelender Bürgerkrieg von einem notwendigen Friedensschluss notwendig überdeckt wird. Sanders verfügt zwar über eine hochmotivierte Armee Bodentruppen, hat jedoch nur wenig politisch erfahrenes Personal zur Verfügung und kann kaum auf DNC- oder Clintonpersonal zurückgreifen. Die Planung des DNC-Parteitags ist daher von ständigen Kleinkonflikten überschattet; alle wichtigen Democrats inklusive Clinton sagen aber schlussendlich zu. In einer Reihe von größtenteils uninspirierten Reden geben sie ihre endorsements an Sanders und betonen, wie wichtig es ist, Trump zu schlagen und Democrats in den Kongress zu wählen. Bernie-Unterstützer wittern darin nicht zu Unrecht eine bestenfalls halbherzige Unterstützung. Während des gesamten Wahlkampfs wird es immer wieder zu Konflikten zwischen seiner Organisation und dem DNC über strategische Prioritäten und Geldmittelverteilung kommen, weil der DNC ziemlich offensichtlich vorrangig daran interessiert ist, den Kongresskandidaten zum Sieg zu verhelfen. Die gehackten Emails sind in dieser Situation wenig hilreich und starten eine neue Runde im Bürgerkrieg der Democrats, der durch eine Reihe von hochrangigen Rücktritten notdürftig beigelegt wird.

Die Republicans unter Trump unterdessen stellen den Parteitag weniger unter die "lock her up"-Atmosphäre, den er gegen Clinton hatte, sondern nutzen die Angriffspunkte gegen Sanders, die sich als stärkste herausgestellt haben. Hier laufen wir wieder in unser größtes Problem: es ist unmöglich vorherzusagen, welche Skandale Sanders erlitten hätte. Aber: er hätte sicher welche erlitten. Sanders ist ein Aktivist seit den 1960er Jahren, und er hat garantiert Dinge gesagt und für Dinge demonstriert, die heute in äußerst unangenehmem Licht erscheinen. Man stelle sich die Affären von Daniel Cohn-Bendit (Verharmlosung von Pädophilie) oder Joschka Fischer (Steinewerfen in der Spontizeit) als Folie vor, nach der so etwas abgelaufen wäre. Sichere Evergreens wären Sanders' Steuerplan, seine Identifizierung als Sozialist, sein hohes Alter und seine Forderungen nach einer gesetzlichen Krankenversicherung für alle und kostenlosen Unis gewesen. Eventuell hätte Trump, der wenig Wert auf logische Konsistenz legt, auch versucht seinen eher zurückhaltenden Ansatz in internationalen Beziehungen zu thematisieren, aber das hätte angesichts von Trumps eigener gleichlautender Kritik wohl eher von Surrogaten kommen müssen und wäre kein Hauptbestandteil des Wahlkampfs gewesen (sehr wohl aber gegen jeden anderen republikanischen Kandidaten).

Unter diesen Vorzeichen wären beide Kandidaten in den Sommerwahlkampf gezogen. Trump hätte seine Normalisierung wie in OTL und damit einen Aufschwung in den Vorwahlen genossen. Sanders hätte den convention bump Clintons nicht gehabt, aber dank seiner höheren favorability-Werte eventuell auch nicht so viel aufholen müssen, so dass man hier wohlgehend von einem halbwegs ähnlichen Zustand ausgehen kann. Ich werde im Folgenden auch annehmen, dass sämtliche Enthüllungen Trumps wie in OTL stattfinden.

Wir haben damit einen wesentlich ausgeglicheneren Sommer, weil Sanders niemals eine Gold-Star-Familie auf dem Parteitag präsentiert hätte, sondern eher ausgebeutete Trump-Bauarbeiter, eventuell sogar illegale. Trumps Absturz wäre daher nicht so heftig gewesen, die Umfragen enger beieinander. Das ist im Übrigen ein Schema, das ich für den gesamten Wahlkampf sehe. Ohne den krassen Gegensatz zwischen der femininen Verkörperung des liberalen Siegs in den culture wars und - in den Worten Nigel Farages - dem dominierenden Silberrückengorilla-Alphamännchen sehe ich die krassen Vorsprünge, die Clinton nun schon zweimal herausgearbeitet hat, nicht.

Bernie Sanders' Kernbotschaft von grundlegenden ökonomischen Problemen - Stichwort Ungleichheit - und sein Mantra von der politischen Revolution sind beileibe nicht so griffig wie Clintons Wahlkampf gegen die Person Donald Trump. Neben dem Konflikt mit dem DNC sehe ich hier die zweite große Schwäche Sanders' gegenüber Clinton: seine Schwäche in den Vorwahlen bei schwarzen und lateinamerikanischen Wählern lässt darauf schließen, dass er keine besonders gute Figur gegen Trumps offenen Nativismus und Rassismus machen würde. Aus den Vorwahlen ist darauf zu schließen, dass er alle entsprechenden Trump-Statements in sein eigenes Narrativ von ökonomischer Ungleichheit einzubinden versuchen würde - eine Strategie, die bereits in den Vorwahlen nur sehr bedingt funktionierte.

Noch problematischer ist der Aspekt, der Trump nun wohl jede Chance im Wahlkampf kostet: der offene Sexismus und seine Geschichte mit sexueller Belästigung und Vergewaltigung. Sanders ist ein deutlich schlechterer Botschafter für diese Themen, schon alleine, weil er ein Mann ist. Trumps Ausbrüche gegenüber Clintons Vorwürfe, während sie schweigend daneben steht, funktionieren so viel besser weil sie eine Frau ist. Darüber hinaus ist dies für Sanders aber erkennbar auch kein großes Thema - erneut, die culture wars sind seine Sache nicht. Martin O'Malley würde hier vermutlich besser dastehen als Sanders.

Das bedeutet, dass Sanders in den beiden Gruppen, die für Clinton gerade die größten Wählerblocks darstellen - Frauen, vor allem die eigentlich den Republicans zuneigenden weißen Vorstadtbewohnerinnen, Latinos und Schwarze - schwächeln würde. Die Gruppe der Frauen würde sich vermutlich rund 50:50 aufspalten, während die Latinos eher in Mitt-Romney- oder Bush-Proportionen als in dem krass einseitigen Verhältnis wie in OTL für die Democrats stimmen würden. Zudem könnte Sanders mit deutlich weniger Unterstützern durch prominente Republicans rechnen. Diese Gruppe ist zahlenmäßig nicht besonders groß und wird für kaum mehr als einen sehr niedrigen einstelligen Prozentwert der Stimmen aufkommen, aber diese würden entweder bei Trump bleiben und damit auch seine furchtbare Position beim RNC stärken (wo zudem weniger Sexismus-Skandale den Laden zusammenhalten) oder auf Drittkandidaten wie Johnson oder McMullin ausweichen, was in einigen Staaten Probleme bereiten könnte. Ralph Nader lässt grüßen.

Sanders hat aber natürlich auch Stärken. So dürfte er bei den traditionellen Wählern der Arbeiterschicht deutlich besser ankommen als Clinton. Das würde zwar immer noch nicht reichen, um West Virginia ins Spiel zu bringen, könnte aber die Battlegrounds von Virginia und North Carolina in den Mittleren Westen verlagern und Ohio sichern. Sein größter Vorteil aber besteht natürlich aus seiner Kerngruppe, den Millenials, die ihn bereits in den Vorwahlen so nah an Clinton heranbrachten und mit denen sie immer noch ihre liebe Not hat. In gewisser Weise würden sich Sanders' Problem mit den Schwarzen und Clintons Problem mit den Millenials genau umdrehen, also begeisterte Millenial-Unterstützung und nur lauwarmer support bei den Schwarzen. Da die Afro-Amerikaner aber zuverlässiger zur Wahl gehen als die Millenials, dürfte das in einem Netto-Gewinn für Sanders enden, während er bei den Latinos und den Frauen in diesem Szenario Verluste einfährt.

Für die Wahl bedeutet das, dass Trump eine deutliche Entlastung an der culture-wars-Front erhält und dafür mit deutlich mehr Druck bei seinen Steuern, der Trump Foundation und Trump University sowie bei seinen Plänen für einen Ersatz von Obamacare rechnen müsste. In anderen Worten, es wäre ein Wahlkampf entlang deutlich klassischerer Linien, mit einem Umverteilungskandidaten bei den Democrats und einem Trickle-Down-Apologeten auf der Rechten. Und genau das ist ein Problem.

Trump war immer am stärksten, wenn er normalisiert wurde. Seine Stärke im Frühsommer und im September beruhte darauf, dass sich die gesamte republikanische Partei in der Hoffnung hinter ihn stellen würde, dass er letztlich zwar dumme Sachen sagen, aber ansonsten das traditionelle politische Programm der Republicans absegnen würde. Viele republikanische Politiker wie etwa Paul Ryan sprachen diese Hoffnung bei ihren endorsements explizit aus. Ohne die meltdowns Trumps über Gold-Star-Familien, Alicia Machado und Billy Bush gibt es für die meisten Republicans kaum einen Grund, ihn zu verraten, und für die wenigen #NeverTrump-Leute gibt es ohne Clintons außenpolitische Schärfe und bekannten moderaten Instikt nur wenig Grund, einem Democrat zu helfen. Dazu kommt, dass Sanders' Hauptangriffspunkte gegen Trump wesentlich abstrakter sind als die Clintons. Sexuelle Belästigung ist wesentlich leichter zu fassen als die Winkelzüge im Bundessteuergesetz, die Trump ausnutzte, und die Frage nach seinen Fähigkeiten als Geschäftsmann. Clinton verfolgt diese Linie nicht ohne Grund kaum.

Ich gehe davon aus, dass die Hoffnung vieler Bernie-Anhänger, ihr Kandidat würde deutlich besser als Clinton abschneiden, eine Schimäre ist. Elizabeth Warren - vielleicht, aber vieles des hier Gesagten gilt auch für sie. Stattdessen denke ich, dass Sanders größere Probleme als Clinton gegen Trump hätte. Ein Absturz wie Clinton ihn wegen ihrer Emails im September erlitt ist auch für ihn anzunehmen, weil die Wahrscheinlichkeit, dass sich irgendetwas skandalträchtiges in seiner Vergangenheit oder in seinen Positionen findet, ohne dass er eine plausible Chance hätte, dies wie Clinton durch krasse Trump-Skandale wieder aufzuholen. Zudem könnte er nicht auf eine hoch effiziente Wahlkampforganisation zurückgreifen und hätte im Extremfall sogar mit öffentlichen Absetzbewegungen prominenter Democrats zu kämpfen, was ich aber für wenig wahrscheinlich halte.

Wenn Sanders die Wahl gewänne, dann ultraknapp. Wahrscheinlicher ist aber ein ebenso knapper Verlust. Die hohe Polarisierung macht eine krasse Niederlage mit unter 250 Elektorenstimmen dagegen sehr unwahrscheinlich.