Mittwoch, 15. Februar 2017

Die helle Seite der frühkindlichen Betreuung

In seinem Artikel "Die dunkle Seite der frühkindlichen Betreuung" fährt Stefan Pietsch eine ganze Batterie rhetorischer Geschütze auf, um ein Bewusstsein für eine apokalyptische Zukunft zu schaffen, in der ein inkompetenter, anmaßender Staat eine ganze Generation in miesen Kindertagesstätten psychologisch zerstört. Er verweist auf die ungeheure Bedeutung der Eltern im Lebensabschnitt von 0-3 Jahren unter Rückgriff auf die Umfrage unter amerikanischen Vorschullehrerinnen, die eine leichte Zunahme von kognitiven und lingualen Leistungen sowie von auffälligen Verhaltensweisen für Kinder diagnostizieren. Garniert mit einem kräftigen Schuss Vorurteilen und konservativer Ideologie kommt er zu dem bestechenden Schluss, dass Babys und Kleinkinder bei Müttern am besten aufgehoben sind und Eltern im Sinne der Eigenverantwortung mehr aktiv werden sollten. Das lädt zu Widerspruch ein, den hier bereitstellen will.

Ich möchte dabei mit den Teilen von Pietschs Argumentation beginnen, denen ich zustimme. Seine Betonung der Selbstverantwortung von Eltern - etwa bei der Kontrolle des Fernsehkonsums und der Freizeitgestaltung generell - stimme ich zu. Der Staat und die Unterhaltungsindustrie (über FSK, USK etc.) stellen eine Menge Jugendschutzmechanismen parat. Diese adäquat in den Alltag zu integrieren ist Aufgabe der Eltern, und den Kindern mit Smartphone und Tablet freie Hand zu geben "weil man halt nichts davon versteht" ist eine Abdankung der Eigenverantwortung.

Pietschs Artikel ist in Teilen grob irreführend. So erweckt er konstant den Eindruck, der Staat stelle den Löwenanteil der Kitas und könne quasi als Monopolist auftreten und die Preise diktieren. Das ist völliger Humbug: 34% aller Kitas sind staatlich (für gewöhnlich unter kommunalen Trägern), 32% in konfessions-christlicher, 34% in sonstiger freier Trägerschaft (etwa private, gewinnorientierte Betreiber). Gezahlt wird überall eine vergleichbare Summe, wobei wie so häufig der Staat wie so häufig im Erziehungswesen die besten Entlohnungsbedingungen bietet (allerdings relativ; die Unterschiede sind nicht groß genug um einen Anpassungsdruck hervorzurufen). Von einer brutalen Übermacht des Staates kann also keine Rede sein, andernfalls wäre die NRW-Landesregierung auch kaum krachend damit gescheitert, die konfessionellen Kitas zu einer Aufnahme von Kindern unabhängig von deren Konfession zu zwingen. Dass über die Kirchensteuer und die Subventionierung dieser Einrichtungen eine Verschränkung existiert, tut der grundsätzlichen Trennung keinen Abbruch.

Auch sonst kommt Pietschs ideologische Abwehr allen Staatlichen seiner Argumentation in die Quere. So geht es dem Staat nicht "nur" um Quantität. Diese war mit Verabschiedung der Kita-Platz-Garantie sicherlich eine treibende Sorge, und Episoden wie die Umwidmung ehemaliger Schlecker-Jobs und Mitarbeiter in Kitas und Erzieher sind sicherlich keine Glanzstunden der Bildungspolitik. Auf der anderen Seite steht aber ein konstanter Verbesserungsdruck. Fortbildungen für Seiteneinsteiger stehen durchaus hohen Anforderungen für Berufsanfänger gegenüber. Die ordentliche Ausbildung (die übrigens vor allem im staatlichen Bereich verlangt und durchgesetzt wird und gerade im privaten Bereich deutlich laxer betrachtet wird) erfordert die Mittlere Reife und dauert drei Jahre, mitsamt massenhaft theoretischer Unterfütterung und Abschlussarbeit in Ergänzung zur praktischen Ausbildung. Einfach mal eben die arbeitslose Mittfünzigerin von Nebenan einzustellen geht eben gerade nicht, wenigstens nicht in den kommunalen Einrichtungen.

Es lohnt sich, an dieser Stelle länger zu verweilen, weil das allgemein hohe Qualifikationsniveau der Mitarbeiter eine Reihe von positiven Auswirkungen hat, die Pietsch dem System entweder abspricht oder aber schlicht verschweigt. Was in der konservativen Sozialromantik von der natürlichen Mutterbindung und der elterlichen Bande vollkommen untergeht ist, dass die Befruchtung einer Eizelle nicht automatisch den aktuellen Stand frühkindlicher Forschung im Gehirn der Eltern verankert. Man lehnt sich wohl nicht zuweit aus dem Fenster wenn man unterstellt, dass die wenigsten Eltern sich einen einer ordentlich ausgebildeten Fachkraft entsprechenden Informationsstand zum Thema anlesen werden (dem dann ohnehin die professionelle Einordnung fehlen würde). Die Idee jedenfalls, dass die Mütter natürlicherweise immer wissen, was für das Kind das Beste ist, ist Unfug. Eltern, die nicht an Hybris leiden, wissen, wie oft sie falsche Entscheidungen treffen - ob aus Unwissenheit, Bequemlichkeit oder Überforderung ist dafür einerlei.

Diese Illusion, deren alleiniger Anhänger und Prophet Pietsch sicherlich nicht ist, drängt sich in Artikeln wie seinem oder aus der FAZ aus zweierlei Gründen immer als objektive Wahrheit auf: einerseits entbindet sie das männliche Geschlecht von jeder Verantwortung (ist es doch die Mutter, zu der eine ach so natürliche Bindung besteht), und zum anderen profitiert die Illusion von der manichäischen Gegenüberstellung zu "dem Staat", den wir uns immer als gesichtslos-kalten und inkompetenten Bürokraten vorstellen. Wir schicken unsere Kinder aber zu Profis, die nach dem aktuellen Stand der Forschung für den Job ausgebildet sind. Das sind wir Eltern nicht. Und die ideologische Überhöhung der elterlichen Liebe, man muss dies noch einmal explizit betonen, schafft kein Fachwissen der frühkindlichen Bildung. Dies ist kein Plädoyer für eine Dauerbetreuung der Kinder an sieben Tagen der Woche und 14 Stunden am Tag, auch das ist eine falsche Dichothomie.

Pietsch geht über das Argument, dass die Kinder dort mit Gleichaltrigen umzugehen lernen, nonchalant mit dem Hinweis hinweg, dass dafür die Geschwister völlig ausreichen. Sofern nicht mehrere Mehrlingsgeburten im Jahresabstand stattfanden ist das unwahrscheinlich. In der Kita lernen die Kinder den Umgang mit Gruppen von Gleichaltrigen - eine ungeheuer wertvolle Fähigkeit, die sie zuhause überhaupt nicht lernen KÖNNEN, weil es aus biologischen Gründen keine Gruppen gleichaltriger Kinder geben kann. Das Lösen von Konflikten innerhalb solcher Gruppen (statt der Behauptung gegen ältere oder das Tolerieren von jüngeren Geschwistern) können die Kinder überhaupt nur in der Kita lernen. Dort haben sie auch Betreuungspersonal an der Hand, das im Umgang mit Gruppen solcher Kinder geschult ist. Denn selbst bei perfekten Eltern, die mit der Muttermilch auch gleich die entsprechenden Fähigkeiten im Umgang mit dem Kind herausgebildet haben, gibt es spätestens hier keine Kenntnisse mehr. Diese Fähigkeiten aber sind elementar.

Auch ansonsten leisten Kitas etwas, das Eltern ohne die entsprechende Ausbildung gar nicht können: den Kindern strukturiert etwas beibringen, nicht nur nebenbei. Der Staat gibt genauso wie für die Schulen den Kindergärten Bildungspläne vor, also Ziele, die die Kinder erreichen sollten. Das Erreichen dieser Ziele wird mehrfach evaluiert (etwa durch Besuche auswärtiger Kinderpsychologen vom Jugendamt). Zielgerichtetes Kompetenztraining von Kleinkindern kann ich als Elternteil aber gar nicht leisten, weil ich, erneut, dafür nicht ausgebildet bin. Dafür braucht es Profis.

Nun kann man dem natürlich entgegnen, dass man das alles gar nicht braucht. Früher hat es schließlich auch gereicht, die Kids erst mit 3 Jahren oder noch später in den Kindergarten zu bringen, wo sie dann ein bisschen spielen durften und zum Mittagessen von Mami abgeholt wurden (natürlich Mami, Papa muss ja Leitartikel über die Gefahren der frühkindlichen Betreuung schreiben). Die so gewonnene Zeit stecken die selbstsüchtigen Mütter dann in die Selbstverwirklichung in der Hausarbeit, aber das ist halt die moderne Verwahrlosung.

Man verzeihe mir den etwas ätzenden Tonfall hier, aber dieses konservative Romantik-Blimblim von der Mutter, die sich mit einem Lächeln im Gesicht den ganzen Tag um ihre Kinder kümmert kann nur von denen entworfen werden, die nie dabei sind. Kinder sind stressig, Hausarbeit macht sich nicht von allein und liegt in dem Szenario immer auch bei Mama, und viel anderes Zeug fällt nebenbei ja auch an. Und nur, weil die Kinder den ganzen Tag daheim sind, sind sie deswegen nicht rundum liebevoll dauerbetreut. Woher sonst würden die Schreckensszenarien unserer Leitartikler kommen, die die verwahrlosten Kinder der Hartz-IV-Alleinerzieherinnen vor dem Fernseher degenerieren sehen? Die Zahl der Alleinerziehenden, Stefan Pietsch hat darauf hingewiesen, hat sich mehr als verdoppelt. Er sieht darin einen Moralverfall, weil die Leute sich nicht mehr zusammenreißen. Vielleicht liegt es auch daran, dass weniger Männer ihre ökonomische und gesellschaftliche Machtstellung verwenden können, um Frauen in unglücklichen Beziehungen zu halten?

Denn bei allem Gerede von Moral und Eigenverantwortung, durch das Betonen der "Natürlichkeit" der Mutter-Kind-Beziehung bleibt diese Verantwortung ja doch bei der Mutter hängen. Damned if you do, damned if you don't: geht die Mutter arbeiten, ist sie eine Rabenmama, die den Nachwuchs in die Kita abschiebt, geht sie nicht arbeiten, ist sie ein Sozialschmarotzer und liegt nur der Gemeinschaft der produktiven Steuerzahler auf der Tasche. Natürlich wäre es schön, wenn wir als Gesellschaft die Verantwortung gleicher verteilen, aber mit einem reinen Appell an die Eigenverantwortung derer, die sich aus dem Geschäft herausziehen, geht das nicht. Da ist es auch geradezu naiv, wenn Pietsch in seinem Artikel betont, dass bei Krankheit der Kinder den Eltern ja gesetzliche Ausfalltage zustehen. Ohja, das tun sie. Und Arbeitgeber und Kollegen sind auch immer total verständnisvoll, wenn sich dieses Problem auftut. Das war ironisch, falls das nicht klar wurde.

Natürlich gibt es immer eine Rückfallposition: Kinder zu bekommen ist eine persönliche Entscheidung, und wer sie getroffen hat, soll gefälligst auch damit leben. Ok, das ist fair. Gleichzeitig haben die gleichen Leute aber auch selten ein Problem damit, die geringen Geburtenzahlen in Deutschland zu beklagen und Frauen, die bis 30 nicht schon 2,4-mal geworfen haben, egoistischen Karrierismus vorzuwerfen. Schließlich ist es ja schon verachtenswert zu warten, "bis die biologische Uhr fast abgelaufen ist". Wie so oft wollen die Konservativen den Kuchen gleichzeitig essen und behalten. Bekommen Frauen keine Kinder, sondern arbeiten stattdessen, sind sie böse. Bekommen sie Kinder und arbeiten nicht, sind sie böse, weil sie auf das Ehegattensplitting angewiesen sind und bei Scheidung Alleinerziehende werden und Ansprüche stellen. Machen sie beides, sind sie Rabenmütter. Damned if you, damned if you don't.

"Aber was ist mit dem Kindeswohl?" mögen nun manche fragen. Schließlich haben wir Artikel aus der FAZ und Zeit, die mit zahllosen Anekdoten den Mangel an einer empirischen Basis auszugleichen versuchen. Und dann gibt es da noch die von Pietsch verlinkte Studie, deren erste zwei Zeilen (!) darauf hinweisen dass sie von 2006 ist sie "nur noch historisch interessant" und mittlerweile völlig veraltet ist. Ich habe zwei große Kritikpunkte an der Argumentation, denen ich jedoch eine Zustimmung vorschieben möchte.

Denn selbstverständlich ist es schlecht, wenn Kinder total gestresst bei mangelhaft qualifizierten Betreuern abgegeben werden, die in einem nicht hinreichenden Betreuungsschlüssel arbeiten und keine adäquate Unterstützung erfahren. Und wenn die Kommunen eine Kita in einem alten Schlecker-Verkaufsraum einrichten, ein paar Bücher und gespendete Spielzeuge hineinwerfen und die Schaufenster mit Milchglasfolie leidlich blickdicht machen und dann Erzieherinnen hineinschicken, die einen Sechs-Wochen-Crashkurs hatten, dann ist das natürlich nicht im Sinne des Erfinders.

Aber, Newsflash, wenn man etwas ohne richtige Ausbildung und mit unzureichenden Mitteln macht kommt selten etwas Vernünftiges heraus, ob im öffentlichen oder privaten Bereich. Und die Verbesserungen der letzten zehn Jahre sind gewaltig, und sie werden weiterhin erzielt. Die Garantie machte eine schnelle Expansion nötig, bei der viel beschissen wurde und sicher auch viel Mist passiert ist. Aber seither steigt die Qualität kontinuierlich. Natürlich nicht in dem Tempo wie das wünschenswert wäre, aber das ist nun wahrlich nichts, was sich nicht durch Geld lösen ließe, auch wenn der Konservative nun mit Gänsehaut erschaudert.

Der zweite Kritikpunkt ist die immer noch dünne empirische Lage. Ja, es gibt Studien, die Belege für die These bringen, dass Kinder, die in jungen Jahren in großem Umfang betreut wurden, eine leicht erhöhte Affinität zu Verhaltensstörungen haben. Gleichzeitig weisen dieselben Studien auch höhere kognitive und linguale Kenntnisse nach. Wie viel davon ein statistisches Artefakt ist, das - angesichts des Alter der Studien - durch die sprunghafte Steigerung der Kindesbetreuung entstanden ist, bleibt unklar. Selbst wenn wir annehmen, dass dieser Effekt sich konsistent nachweisen lässt (bereits eine höchst fragwürdige Prämisse), so scheinen mir die Ergebnisse doch eher im Rahmen dessen zu liegen, was Studien zu den Rechtschreibkenntnissen von Grundschülern herausgefunden haben: leichte Verschiebungen durch Vorteile im einen und Nachteile im anderen Bereich. Das wirkt fast so, als ob es keine perfekte Lösung gäbe, die nur Vorteile hätte. Es sei noch einmal auf die Ironie des vorangegangenen Satzes hingewiesen.

Dazu kommt, dass die dramatischsten Beispiele ohnehin selten sind: Kinder unter einem Jahr befinden sich nur in 1,6% (Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz) bis 7,6% der Fälle (Sachsen-Anhalt) in Betreuung (Zahlen für alle Formen, nicht nur Ganztag); der bundesdeutsche Durchschnitt liegt bei 2,5%. Der Untergang des Abendlands muss also wohl ausfallen; die große Mehrzahl der Kinder geht weiterhin erst mit mindestens einem Jahr in Betreuung. Hier schnellen die Zahlen dann auf zwei Drittel (1-2 Jahre) beziehungsweise vier Fünftel (2-3 Jahre) an. Aber wie bereits oben beschrieben hat das durchaus positive Effekte.

Was also ist das Fazit? Für mich läuft es letztlich auf eine Reihe banaler Erkenntnisse heraus. Wenn der Staat seine Aufgaben nicht richtig erfüllt, weil er seine Angestellten nicht richtig ausbildet und seine Institutionen nicht richtig finanziert, kommt nichts Vernünftiges dabei raus. Wenn er das tut, sind die Ergebnisse ordentlich. Wenn Eltern ihre Aufgaben erfüllen und ihre Verantwortung wahrnehmen, dann können Kinder auch werktags zehn Stunden betreut werden und erfahren trotzdem Elternbindung und Elternliebe. Wenn Eltern ihre Aufgaben nicht erfüllen, macht es für das Kind wenig Unterschied ob es zuhause oder in der Kita verwahrlost.

Die ganze Diskussion läuft auf einem grundsätzlichen Level um Moral und Konsequenzen, die sie nicht verdient. Unsere Lebensmodelle haben sich gewandelt. Der Doppelverdiener-Haushalt ist Standard. Das ist politisch seit drei Jahrzehnten gewollt und wurde auch von den Konservativen massiv befeuert. In diesen dreißig Jahren hat man sich ewig hinter der Idee versteckt, dass Großeltern einspringen oder die Frau die Doppelbelastung stemmen könnte. Als diese Lebenslüge platzte, weil in den letzten zehn Jahren eben dieser gesellschaftliche Wandel massiv eintrat, musste schnell gehandelt werden. Was wir aktuell erleben ist die Pubertät eines neuen Systems, mit all den Haklern, Problemen und Wachstumsschmerzen. In zehn Jahren wird das alles normal sein, und man wird mit dem gleichen Befremden auf diese Diskussion blicken, mit der man heute auf die Kulturkämpfe lang vergangener Dekaden zurückblickt.

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Einige Statistiken: http://www.kindergartenpaedagogik.de/1650.html  

Dienstag, 20. Dezember 2016

Was die Demokratie wirklich gefährdet

Die Demokratie beruht auf Normen. Dieser Satz erscheint ebenso harmlos wie banal. Tatsächlich aber sind die Normen das absolute Fundament auf dem sie ruht, nicht, wie so oft angenommen, die Verfassung. Es ist eine dieser über-lernten Lektionen aus Weimar, dass die Demokratie durch eine ungeschickte Verfassungskonstruktion stolperte. Der Artikel 48 war aber genauso wenig schuld am Fall Weimars wie das Electoral College an Trump. Stattdessen geht es um Normen - und ihre Missachtung.

Verweilen wir für einen Moment beim Beispiel Weimars. Es wird oft gesagt, der Artikel 48 sei ein Fehler gewesen und habe dem Präsidenten zuviel Macht gegeben. Tatsächlich haben Verfassungsrechtler von damals bis heute immer wieder betont, dass die Hindenburg'sche Anwendung gegen die Verfassung verstieß. Nur hat das niemandem gekümmert. Die Rechten und Linken wollten die Republik, je aus unterschiedlichen Motiven, ohnehin fallen sehen. Und die Sozialdemokraten und kläglichen Reste anständiger Bürgerlicher waren dazwischen eingeklemmt und hofften nur noch, Schlimmeres zu verhindern. Der eigentliche Machtkonflikt wurde auf der Straße und in den Hinterzimmern ausgetragen - ein Bruch demokratischer Normen.

Als umgekehrtes Beispiel mag 1968 dienen, als die Große Koalition, mit einer Mehrheit jenseits der 90%, die Notstandsgesetze gegen massive Proteste einführte. Die Befürchtung war eine Wiederholung der Krise von Weimar. Nichts dergleichen geschah, obwohl die Erklärung des Notstands nicht wesentlich größere Hürden zu überwinden hatte als 1925. Das liegt schlicht daran, dass in der BRD demokratische Normen immer noch intakt sind. Kein Bundesverfassungsgericht der Welt könnte eine Regierung aufhalten, die auf den Exekutivapparat gestützt gegen die Verfassung regiert und diese bricht. Alles was zwischen Demokratie und Finsternis steht sind Normen: klein, zart, unauffällig und zerbrechlich.

Das ist die große Gefahr des Jahres 2016: der gigantische Normenbruch um uns herum, der den Boden bereitet für die eigentliche, größere Gefahr.

Ein frappantes wie aktuelles Beispiel hierfür ist, wie könnte es anders sein, Trump. Seine schon fast pathologischen Lügen wurden zur Genüge diagnostiziert. Unter demokratischen Normen aber verstehen wir bei "Lügen" von Politikern etwas anderes, denn normalerweise lügen Politiker nicht im Wortsinne. Einen Politiker bei einer bewussten Falschaussage zu ertappen war und ist höchst selten. Stattdessen verschweigen sie etwas, drücken sich mehrdeutig aus, biegen die Wahrheit, interpretieren in ihrem Sinne, beschönigen, können Versprochenes nicht umsetzen. All das ist stets Teil des Geschäfts, genauso wie das der Presse, sie dabei zu ertappen und in die Ecke zu drängen, und das Geschäft der Opposition, ein gegenläufiges Narrativ zu schaffen.

Wenn aber jemand bei den offensichtlichsten und überprüfbarsten Sachverhalten lügt, und das mehrmals am Tag, bricht das sämtliche Normen. Es existiert schlichtweg kein Mechanismus, um dann damit umzugehen. Stattdessen legitimieren die Normen ihren eigenen Bruch. Ein gängiger Witz besagt, dass wenn die Republicans behaupteten, die Erde sei flach, die New York Times titeln würde, die Parteien seien sich nicht über die Form der Erde einig. Diese Art der Berichterstattung funktioniert für policy-Differenzen. Sie versagt völlig, wenn sich eine Seite nicht an die Regeln hält.

Das soll aber nicht in billige Medienschelte ausarten. Schließlich wurde zurecht darauf hingewiesen, dass es im Wahlkampf nicht an negativer Berichterstattung über Trump mangelte. Der Normenbruch führte aber dazu, dass bei der Masse der Wähler der Eindruck entstand, beide Kandidaten seien gleich schlimm. Auf diese Art bleibt der Normenbruch ungestraft, ja, wird belohnt.

Wir sehen diesem Mechanismus in vielen Ländern rechtspopulistische Strömungen befeuern. Ob AfD in Deutschland, UKIP in England und Wales, Fidesz in Ungarn, PiS in Polen, die frühere Lega Nord in Italien - das Ziel ist stets der kalkulierte Normenbruch, um selbst salonfähig zu werden.

Diese Strategie funktioniert fürchterlich gut. Wenn sich bei den Wahlen erst einmal eine "Schlimmer können die es auch nicht machen"-Mentalität festgefressen hat, kommen Demokratiefeinde erst an die Macht und höhlen dann die Demokratie von innen aus. Denn wer sollte sich hinter Institutionen stellen, die für unzureichend befunden wurden, eine Diagnose, die sich durch den Erfolg ihrer Gegner quasi in eine sich selbst erfüllende Prophezeiung gewandelt hat? An dieser Stelle des Textes sollte so etwas wie eine Lösung stehen. Aber ich weiß keine. Demokratische Normen halten nur so lange, wie die deutliche Mehrheit der Bevölkerung sie zu verteidigen bereit ist. In dem Moment, in dem das "Ja, aber" die Oberhand gewinnt ("Ja, die AfD ist rassistisch, aber", "Ja, Trump lügt und fordert die gefährlichsten Dinge, aber"), schwebt die Demokratie in Gefahr.

Mittwoch, 14. Dezember 2016

Was this the Democrat's biggest mistake in 2016?

Anmerkung: Dieser Artikel ist ein Experiment mit englischsprachigen Artikeln und konstitutiert noch keinen Trend auf Deliberation Daily.

Many observers of the 2016 race have postulated that Hillary should've listened more to her husband, Bill, in setting terms of strategy against Trump. Reportedly, he adviced her to campaign more in the Rustbelt and to connect more with working class voters. I do indeed think that Clinton should have taken a page from Bill's playbook, but not this one. Rather, she should have looked at the lessons from 1988.

In 1988, Republican strategist Lee Atwater devised the strategy for George H. W. Bush to defeat his Democratic challenger Michael Dukakis. Bush had a lot of things going against him. It would be a third term for Republicans, which conventional wisdom had as a major disadvantage. He was a pure-blooded establishment politician, without much connection to the Christian-Right coalition that Reagan had built, and he didn't enjoy the highest favorability or even celebrity ratings. However, in the event, he won decisevely, with Atwater's strategy to thank for it. His opponent Dukakis certainly didn't help his cause, either. It was Bill Clinton who took up the thread and defeated Bush in 1992. So what did Atwater propose, how did Clinton counter it, and how may the other Clinton have taken this up in 2016?

Atwater's strategy was two-fold. On the one hand, he needed to plant Bush firmly with the Republican base, which in case meant Evangelicals. Bush, who had no history of churchgoing or public religious statements, seemed like a hard sell in that regard. In the end, he wasn't. Bush, like Reagan before him, started to shamelessly pander to the Evangelicals, touting his strong believes and professing his special connection to god. It sufficed, the Evangelicals turned out for him. The other part of the strategy was more deliberate and would be perfected by Republicans in the two decades to come: he mercilessly attacked the character of his challenger Dukakis and resorted to racism. The racist attacks were cloaked in coded language ("state's rights", "welfare", etc), which became known as dog whistles. Bush himself detached himself from the actual strategy and let independent groups - the predecessor of today's Super-PACs - run the most offensive ads, but this made a difference in no one's mind. The most infamous of the character assaults on Dukakis was the Willi-Horton-ad, in which Bush's campaign linked the brutal murders of a black inmate on furlough in Dukakis' home-state of Massachusetts directly to Dukakis. Dukakis tried to ignore this despicable character assassinations, convinced that the American people would not reward such low stuff. Only too late did he try to counter them, to little avail. He clearly lost the election.

In 1992 - Atwater was one year dead - a man of much less defensible character than Dukakis ran for president. Clinton was surrounded by allegations of marital infidelity and double-dealing already from his time in Arkansas, and his team early on devised a counter to the expected negative advertisements: attack yourself and always strike back as hard as you can. Whenever Bush attacked Clinton, the Clinton campaign wouldn't try to defend their candidate but rather answered with attacks on Bush, retaliating with full force and consciously dragging the political process in the mud of infighting to where the Bush campaign had invited them. It worked, and no one cared for Clinton's misdeeds enough to deny his cruise to victory, aided by an ailing economy. In 1994, the Republicans struck back. If Democrats thought that you couldn't get lower than to accuse your opponents of favoring murders or to kill their best friend, they were in for a rude awakening. In his playbook for the 1994 Midterms (and beyond), Newt Gingrich gave his Republican colleagues a language guide in how to talk about Democrats, which contained words as "sick", "traitor", "betrayal", "liberal", "shame" and "welfare" (implictly acknowledging its dog-whistle quality as a racist substitute).

It's easy to see where the comparison to 2016 lies. Michelle Obama's "When they go low, we go high" could easily have been plastered on a wall of a Dukakis field office in the summer of 1988. Clinton's weak defenses of her email scandals, the Clinton Foundation's work or the DNC hacks was reminiscent of Dukakis' attempts at trying to explain his furlough policy. Just think of all the headlines you didn't read in the 2016 campaign:

  • Clinton: "Trump stole the taxpayer's money"
  • Clinton accusing Trump of running fraudulent business empire
  • Trump rape allegations: Clinton says she has proof
  • Trump visited with Putin to debate campaign strategy, Clinton says
  • Podesta claims to have secret strategy paper detailling Trump's Medicare privatization plan
  • Trump denies Clinton claim that he employs Ku-Klux-Klan members
That's because none of the above could in any way be proven and is totally made up by me. But hey, maybe did some or all of these things. To speak with Trump, nobody really knows. Of course, Clinton didn't employ these tactics. She limited herself to attacks that could clearly and unequivocally be proven and restrained from using attacks that couldn't, even by proxy. She also didn't revert to direct insults, as Trump and the Republicans would do. The Republicans know no such qualms. They staged mock trials, revelled in sexism, peddled conspiracy theories and generally didn't give a damn about the consequences. Only recently a lunatic shot up a pizza joint because he believed the theory sponsored, among others, by Trump's favorite loon Alex Jones, that Hillary Clinton and John Podesta were running a child pornography ring out of the pizzeria basement. When asked whether he really believed that Clinton forged several million votes in California, RNC chairman Reince Priebus just said that "no one knows", voter suppression laws up and down the red states targeted minority voters and until today no Republican has disavowed birtherism. The depths to which they were ready to sink were staggering, and in 2016 at least, Democrats refused to follow. It cost them dearly.

The real question is whether it's worth it. Right now, some parts of the Democrats and their progressive allies are actively trying to undermine Trump's legitimacy, trying to sway the Electoral College with insinuations of Russian meddling and engaging in recounts with the vain hope to prove election fraud. It is an attempt to catch up, and I'm extremely wary of this. I can't say that I particularily care for this. Democracy has been almost mortally wounded by Republicans. Does it really need the coup de grace by the Democrats? Yes, they lost the election, and Congress as well, mainly due to what I can only see as despicable tactics by Republicans. But was Michelle Obama wrong to aim high when they went low?

As it is, the bad guys won. And I'm saying this consciously. If the Democrats currently trying for the same kind of tactics win out, the bad guys rule both parties. But Republicans have gone to some really dark places, and they're unapologetical about it. One can only hope that Obama is right when he says that the moral arc of the universe is long and bending towards justice. If he is, then some day, Republicans will reap what they sow and a better day will come. If he isn't, than they also reap, but the whole thing we have become comfortable with called "civilization" will go down with them. The stakes are high.

Montag, 5. Dezember 2016

Ein Versagen der Umfrageinstitute?

Die Umfrageinstitute haben sich eine ganze Menge Häme anhören müssen. Sie alle sagten unisono einen Sieg Clintons voraus; in den Wahrscheinlichkeitsrechnungen lag die Chance eines Clinton-Sieges zwischen 70% (beim hier recht konservativen 538) bis 99,8% (bei der Huffington Post). Im popular vote führte Clinton in Umfragen rund drei bis vier Prozent, im electoral college mit im Schnitt 300-310 Stimmen. Offensichtlich ist es so nicht gekommen. Zeigt dies aber wirklich ein komplettes Versagen der Demoskopie, wie allenthalben zu lesen war und ist? Oder lässt sich der Unterschied zwischen Vorhersage und Realität erklären, ohne gleich eine völlige Bedeutungslosigkeit der Institute zu postulieren? Tatsächlich scheint mir letzteres der Fall zu sein, und ich will im Folgenden erklären weshalb.

Während des gesamten Wahlkampfs fand zwischen den Aggregartoren - also Seiten, die alle Umfragen sammelten und in ein Modell eingaben, um ein Gesamtbild zu erhalten - ein Methodenstreit statt. Manche Modelle - wie etwa The Upshot oder Crystal Ball - sahen Clinton mit einer stabilen Führung zwischen 300 und 350 Stimmen im electoral college und drei bis fünf Prozent beim popular vote voraus. Andere Modelle - wie etwa das von 538 - arbeiteten mit einer weit größeren Unsicherheitskomponente, was zu wilden Schwüngen führte, von hohen Werten in der 80-90%-Wahrscheinlichkeitsreichweite eines Clintonsiegs bis zu Kopf-an-Kopf-Rennen.

Bevor wir sehen, woher diese Unterschiede kamen, noch kurz ein Wort zu meiner eigenen Position: ich ging während des Wahlkampfs davon aus, dass die statischeren Modelle (also die, die Clinton konsistent in Führung sahen) richtig waren und dass 538 wesentlich zu sensibel auf aktuelle Schlagzeilen reagierte (das klassische horse race), was erfahrungsgemäß wenig Auswirkungen auf das Ergebnis hat. Dies zeigte sich beispielsweise 2012: obwohl die Umfragewerte der Kandidaten teils wild hin- und herschwangen (nach der ersten TV-Debatte führte Romney etwa vor Obama), gewann Obama den Wahlkampf eindeutig. 538 hatte seinerzeit die Rolle übernommen, die in diesem Wahlkampf The Upshot und Crystal Ball spielten: sie erklärten einen permanenten Vorsprung Obamas, der sich am Ende auch bewahrheitete.

Demzugrunde liegt die Idee der so genannten fundamentals: die Wahlentscheidung der meisten Menschen steht bereits lange vor dem Wahltermin fest und wird vor allem durch exogene Faktoren bestimmt, etwa die Lage der Wirtschaft, die Demographie oder die Beliebtheitswerte des Amtsinhabers. Echte Unentschiedene gibt es nicht, stattdessen kommt es vor allem auf die Mobilisierung an. Die im Vergleich zu 2012 eher gestiegene Polarisierung schreibt die Wählerblöcke effektiv fest - und Trump und die Republicans generell schienen hier deutliche Nachteile gegenüber Clinton und den Democrats zu haben.

Relativ kurz vor dem Wahltermin gerieten der Chef von 538, Nate Silver, und der Huffington-Post-Reporter Ryan Grim wegen der Modelle aneinander. Silver erklärte die gigantisch hohe Chance für Clinton "fucking idiotic and unresponsible", während Grim Silver vorwarf, nur die Spannung anheizen zu wollen um Klicks zu generieren. Silvers Argument war im Endeffekt, dass die hohe Zahl an unentschiedenen Wählern (undecideds) akkurate Vorhersagen unmöglich mache, während Grim (und viele andere, etwa das renommierte Umfrageinstitut YouGov) sie für statistischen Lärm hielten ähnlich 2012. Der Streit ließ sich während des Wahlkampfs schlecht auflösen, denn beide Seiten hatten gute Argumente. Silver erklärte, dass die Zahl der undecideds echt war und unter anderem an den Personen Clintons und Trumps hing. Jede Vorhersage war daher deutlich in Gefahr, falsch zu liegen, weswegen der "nur" 65% Siegeschance für Clinton ausgab. YouGov dagegen erklärte, diese Zahlen seien statistische Artefakte und darauf zurückzuführen, dass die Wähler des Kandidaten, der gerade in den Umfragen und Schlagzeilen hinten lag, weniger stark auf Umfragen reagierten, aber trotzdem zur Wahl gingen, was die Schwünge erklären würde.

Wie es scheint, lag doch 538 richtig. Dies war aber, erneut, vor der Wahl nur schwer abzusehen, weil es auch für YouGovs Konkurrenz-Theorie eine ganze Latte von Indizien gab. Die Frustration, die aus vielen 538-Artikeln kurz vor und nach der Wahl spricht, hat ihren Ursprung daher auch nicht darin, dass nicht jeder das Licht gesehen hat und zu ihrem Modell konvertiert ist (eine Regel aller Umfrageinstitute und Aggregatoren ist, dass auf keinen Fall im laufenden Wahlkampf die Methodik geändert wird, weswegen auch offensichtliche Abweichmodelle wie der LA-Times-Poll, der konstant Trump als Gewinner des popular vote ausgab und damit - zu Recht - allein auf weiter Flur war, bei seinem Modell blieb), sondern dass viele Journalisten und Beobachter die Zahlen schlichtweg nicht richtig verstanden. Und an dieser Stelle muss ich mir selbst ebenfalls die Eselsmütze aufziehen und in die Ecke sitzen, denn da habe ich auch ordentlich mitgemischt.

Denn was hat 538 exakt gesagt? Die meiste Zeit sahen sie Clinton mit einer Gewinnchance um die 70%, die gegen Ende auf rund 65% abrutschte. Das klingt natürlich erstmal nach einer sauberen Sache, aber es bedeutet effektiv, dass sie in drei Wahlen zweimal gewinnt. Da aber nur eine Wahl abgehalten wird, hat sie ein echtes Problem, wenn die erste (und einzige) genau die der drei ist, die sie verliert (vereinfacht gesagt). Und genau das ist passiert. 538 lag also bei der Einschätzung der Chancen nicht schlecht. Korinthenkacker könnten jetzt einwenden, dass dasselbe natürlich auch für die 0,2% Chance eines Trump-Siegs beim Huffington-Post-Modell gilt, aber es ist wohl relativ klar, was davon zu halten wäre. Die große Unsicherheit, die 538 dazu führte konsistent Clintons Chancen niedriger anzugeben als praktisch die gesamte Konkurrenz, stammte von den rund 15% der Wähler, die sich als undecideds bezeichneten. Dieser Wert war abnormal hoch, und die meisten Umfrageinstitute gingen davon aus, dass er letztlich ein statistisches Artefakt war, während 538 ihn für bare Münze nahm. Hier spielt bei mir sicher auch die Blase des am Wahlkampf intensiv interessierten Beobachters eine Rolle: ich konnte (und kann bis heute) mir nicht vorstellen, wie jemand bei einer Wahl Clinton gegen Trump ernsthaft unentschieden sein kann. Aber offensichtlich ging es einer ganzen Menge Leute so, und die haben sich mehrheitlich in letzter Minute für Trump entschieden. Warum das so war, wird ein anderer Artikel in näherer Zukunft zu klären versuchen.

Die Frage der Wahrscheinlichkeit eines Sieges wäre damit geklärt - 538 lag mit ihrem Modell richtig(er), die meisten anderen falsch(er). Wenig zutreffend ist das billige Narrativ vom Versagen der Umfragen auch beim popular vote - hier waren die Umfragen sogar exakter als 2012! Vorhersagen lagen direkt vor dem Wahltermin bei einem Clinton-Sieg von rund 3%. Am Ende werden es wohl knapp über 2%. Das ist ungeheuer eng am realen Ergebnis und führt gleichzeitig zu einem ganz anderen Problem, nämlich den Umfragen auf der Bundesstaatenebene. Ein gerade im Vergleich zu 2008 und 2012 überraschend hoher Anteil an Staaten-Umfragen lag ordentlich daneben, und das nicht nur im Rust Belt (Wisconsin, Michigan, Pennsylvania et al) der Trump um Haaresschärfe den Sieg sicherte. Auch wenn es in der Berichterstattung (bisher) kaum eine Rolle spielt, Clinton lag zwar im Rust Belt unter den Voraussagen, in demokratischen Hochburgen wie Kalifornien und New York und im Sun Belt (die Staaten des tiefen Südens wie Arizona, Texas, Georgia et al) aber darüber. Das bringt ihr wenig, weil Kalifornien und New York so oder so demokratisch sind und der Sun Belt immer noch mehrheitlich republikanisch ist (aber Clinton verlor etwa Texas mit "nur" 8% Abstand zu Trump, wo Obama 2016 noch mit 16% Abstand verloren hatte, was eventuell in der Zukunft von Bedeutung sein könnte).

Warum also lagen die Bundesstaaten so daneben? Das hat vor allem zwei Ursachen. Die erste ist furchtbar banal: in vielen Staaten, besonders im entscheidenden Rust Belt, gab es in den Wochen vor der Wahl praktisch keine qualitativ hochwertigen Umfragen mehr, weswegen alle Modelle mit Hochrechnungen aus früheren Umfragen arbeiten mussten. Auch das war übrigens ein Faktor, auf den 538 immer wieder aufmerksam machte, ohne dass es viele Leute - mich eingeschlossen - interessiert hätte. Es scheint aber, als ob bis in den zwei Wochen vor der Wahl die Lage auch noch so hochrechenbar war, denn die Clinton-Wahlkampforganisation (die ja internes Umfragenmaterial hat) wurde erst in diesem Zeitraum plötzlich aktiv. Auch hier wird es an einem zukünftigen Artikel sein, die Gründe zu klären.

Der zweite Grund ist die Korrelation der Bundesstaaten. Auch wenn ich langsam wie eine hängengebliebene Schallplatte klinge: auch auf dieses Fakt hat 538 hingewiesen und damit die große Unsicherheit begründet. Was bedeutet Korrelation der Bundesstaaten? Wenn ein Trend sich in einem Rust-Belt-Staat verschiebt - etwa von Clinton zu Trump - dann verschiebt er sich auch in anderen Staaten mit, die eine kulturelle und geographische Affinität haben. Hat Clinton Probleme in Pennsylvania, dann hat sie auch Probleme in Wisconsin, Michigan und Ohio. Hat Trump Probleme in North Carolina, hat er auch Probleme in Georgia, South Carolina und Texas. Diese Mechanik konnte in den Umfrageschwüngen immer wieder beobachtet werden. Selten einmal verschoben sich nur ein oder zwei Staaten. Verpassten die Umfragen also den Trend in Pennsylvania, verpassten sie ihn auch im restlichen Rust Belt. Und genau das ist geschehen.

Die einzige noch zu klärende Frage ist damit, ob die Schwünge während des Wahlkampfs "echt" waren oder nicht. Statischere Modelle wie The Upshot und Crystal Ball gingen davon aus, dass sie keine realen Wählerwanderungen darstellten, sondern eher Abbild von Meinungen und Gefühlen waren, die aber durch die Polarisation elektoral bedeutungslos waren. Auch gehe ich mit 538: die Schwünge waren wohl echt. Auch hier wird die Begründung noch warten müssen: die Zahlen geben darauf keine eindeutige Antwort. Man sollte aber in jedem Falle die Demoskopie nicht in Bausch und Bogen verdammen. Für die vielen großen Unsicherheitsvariablen in einem inhärent unberechenbaren System (no guarantees in war and politics) waren die Ergebnisse immer noch erstaunlich gut.

Dienstag, 22. November 2016

Kommt erst mal aus eurer eigenen Blase raus!

Ob in Deutschland oder in den USA, die Zeitungen sind voll von Selbstkasteiungen: warum man Trump unterschätzt hat, wieso man es nicht hat kommen sehen, wieso man sich seiner selbst so sicher war. Verbunden ist es immer mit der Aufforderung, nun - unter dem Schock der Niederlage nach dem sicher geglauten Clinton-Sieg - die Blase der liberalen Küstenelite zu verlassen und einen Blick in die ländlichen Regionen zu werfen, die Trump zum Sieg verholfen haben, vom Rustbelt des Mittleren Westen über den Panhandle Floridas hin zu den Counties der Appalachen. Was Clinton das Genick schließlich brach waren Trumps knappe Siege in ihrer "Firewall", von Wisconsin über Michigan zu Pennsylvania. War es also liberale Arroganz, den Aufstand des real America nicht zu sehen? Waren wir in unseren culture wars verheddert und sahen nicht, dass sich Amerika von uns abwandte? Haben wir zu sehr "identity politics" betrieben und darüber vergessen, was wirklich zählt? Es ist ein schönes und gut greifbares Narrativ, und es ist kein Wunder, dass es gerade überall zu lesen ist. Es erhöht auch immer gleich den Schreiberling, der es entweder immer schon gewusst hat oder nun Bescheidenheit demonstrieren und sich auf die Siegerseite stellen kann. Es ist aber leider auch ungeheuer heuchlerisch.


Natürlich ist der Ruf nach Empathie nichts, was man ablehnen sollte. Empathie ist gut¹, und sicherlich bin ich wenigstens ein wenig schuldig darin, allzu theoretisch an die Lage herangegangen zu sein und den Statistiken über die Entwicklung der Arbeitslosenquote (nach unten) und der Reallöhne (nach oben) in 73 ununterbrochenen Monaten Obama-Präsidentschaft² gegenüber der gefühlten Realität in den Hochburgen der Weißen Arbeiterklasse (white working class, ein Begriff, der mit Trumps Wahl in keiner Analyse fehlen darf) zu viel Gewicht zugesprochen zu haben. Was mich auf die Palme bringt, ist aber die dahinterstehende Heuchelei, die den Leuten zu allem Überfluss nicht einmal bewusst ist, weil sie selbst in einer riesigen Blase stecken und selbst Identitätspolitik betreiben, nur eben für heterosexuelle Weiße.

Was ich damit meine? Obama siegte in zwei Wahlen hintereinander. Auf beide Wahlen reagierten die Republicans, indem sie ihm jegliche Legitimation absprachen und totale Obstruktionspolitik betrieben. Nie gab es eine große Welle der Introspektive bei den großen Zeitungen, die Empathie mit den Teilen der Obama-Koalition forderten, die bisher marginalisiert und stigmatisiert waren und nun mit Macht auf die politische Bühne gedrängt waren. Stattdessen entstand eine endlose Debatte über die außer Kontrolle geratende "political correctness". Im Ton größter Ernsthaftigkeit und Folgenschwere wurde die Frage diskutiert, ob es weißen Männern wirklich zumutbar ist, beim Sex das Einverständnis der Frau einzuholen, Schwarze als Nachbarn zu akzeptieren und Homosexuellen (und sind wir ehrlich: gemeint sind Schwule) das Recht zuzugestehen, sich in der Öffentlichkeit zu küssen.

Von all den culture-war-Themen, die in den letzten drei, vier Jahren die Schlagzeilen beherrschten, hat keine einen vergleichbaren Grad an Forderungen nach Empathie hervorgerufen. Dabei hätte gerade diese Empathie den backlash deutlich abmindern können, den so viele Journalisten und sonstige Beobachter nun mit unverhohlener Schadenfreude prognostizieren. Man kann das problemlos an diversen Beispielen erkennen.

So schrieben ernsthaft viele Journalisten, als Trumps Angeberei über seine eigenen sexuellen Übergriffe bekannt wurde, dass ja "jeder Mann" schon so geredet habe und dass das alles kaum ernstzunehmen sei, und überhaupt, wer könne schon jemals bei Frauen so genau sagen, ob ein Nein nicht doch ein Ja sei? Es entbrannte eine Debatte darüber, ob es für eine Frau unzumutbar sei, 600 Kilometer zur nächsten Abtreibungsklinik zu fahren oder ob die Unzumutbarkeitsgrenze erst bei 1000 Kilometern erreicht ist. Und als es um den Schutz von Vergewaltigungsopfern ging, drehte sich die Debatte fast augenblicklich um die Frage, ob denn den Männern zugemutet werden könne, einem solchen Verdachtsmoment ausgesetzt zu sein. Hätten die männliche Bevölkerung hier mehr Empathie gezeigt, Trump wäre heute vielleicht nicht Präsident.

So war eine große Diskussion auf den amerikanischen Campussen die Frage der so genannten micro-aggressions. Ein Großteil der Berichterstattung über diese Diskussionen, die - wie so häufig - unter dem Schirmbegriff der political correctness ablaufen, befasste sich mit der Frage, wie schlimm die Auswirkungen für weiße Männer sind, und kaum mit der Frage, woher die Befürchtungen kommen und welche Grundlage sie haben oder endete, Gott bewahre, mit einer Forderung nach Empathie (die der political correctness immer zugrunde liegt). Hätte die weiße Mehrheitsbevölkerung hier mehr Empathie gezeigt, Trump wäre heute vielleicht nicht Präsident.

So war die größte Bürgerrechtsbewegung der letzten zwei oder drei Dekaden, #BlackLivesMatter, von Anfang an in der Defensive. Schwarze sind mehrfach wahrscheinlicher das Opfer von unbegründeten Stopps, von Polizeigewalt, von Inhaftierung, von Tötung durch Polizisten. Nach Trayvon Martin, Ferguson und Eric Garner versuchte die #BlackLivesMatter-Bewegung, auf dieses gesellschaftliche Problem aufmerksam zu machen. Die Antwort des konservativen Amerika war nicht etwa Empathie, sondern die primitiv-dumme Retorte "All Lives Matter". Da konnten progressive Journalisten auch noch so oft erklären, wie falsch das ist - in den meisten Massenmedien war #BlackLivesMatter damit eine nur für die jeweilige Parteibasis relevante, zum reinen Wahlkampfslogan degenerierte sideshow. Hätte die weiße Mehrheitsbevölkerung hier mehr Empathie gezeigt, Trump wäre heute vielleicht nicht Präsident.

So wurde die unbedeutende Gesetzesänderung, Transsexuellen die Nutzung der für das "neue" Geschlecht angebrachten Toilette in öffentlichen Gebäuden zu erlauben, von den Republicans zu einem Wahlkampfhit aufgebläht, indem sie Transsexualität auf die gleiche Stufe wie Pädophilie stellten und so taten, als ob dank dieses Gesetzes nun Kinderschänder in die Duschräume des Mädchensports eindringen könnten. Ekel wie Mike Huckabee erklärten im Vorwahlkampf sogar rundheraus, dass sie genau das getan hätten, wenn ihnen das Gesetz die Möglichkeit gegeben hätte. Es wäre nicht einmal Empathie nötig gewesen, um diesem Unsinn einen Strich durch die Rechnung zu machen - eine einfache Recherche, was Transsexualität eigentlich ist, hätte ausgereicht. Und Trump wäre heute vielleicht nicht Präsident.

So konnte eine Diskussion über die Abschiebung von Millionen Minderjähriger in Länder, die sie noch nie besucht haben, deren Kultur ihnen fremd ist und deren Sprache sie teils gar nicht beherrschen, völlig ohne eine nähere Betrachtung der Personen auskommen, um die es geht. Als Trump ankündigte, eine Grenzmauer bauen und Millionen abschieben zu wollen, fertigten zig Reporter investigative Reportagen über die weißen Grenzmilizen an, die in ihrer Freizeit versuchen illegale Migranten teils mit Waffengewalt aufzuhalten. Die empathischen Reportagen über die Millionen, um die es dabei eigentlich ging, kann man mit der Lupe suchen. Hätte die weiße Mehrheitsbevölkerung Empathie für die DREAMers gezeigt, Trump wäre heute vielleicht nicht Präsident.

So führte eine Forderung Donald Trumps, auf unbestimmte Zeit allen Muslimen, auch solchen mit amerikanischem Pass, die Einreise in die USA zu verbieten, hauptsächlich zu abstrakten Diskussionen über die Frage, wie verfassungsgemäß ein solcher muslim ban eigentlich sei. Kaum jemand fand etwas dabei, dass konservative Rechtsgelehrte dabei positiv auf den Präzendenzfall der japanischen Internierungslager im Zweiten Weltkrieg verwiesen. Hätte die weiße Mehrheitsbevölkerung Empathie für diese flagrante Gleichsetzung aller Muslime, egal aus welchem Land und Kulturkreis, mit IS-Terroristen gezeigt, statt das einfach als gegeben hinzunehmen, Trump wäre heute vielleicht nicht Präsident.

So war die Reaktion vieler Medien auf die Benennung von rechtsextremen Figuren erstaunlich gedämpft. Breitbart-Chef Steve Bannon, sich offen als "weißen Nationalisten" bezeichnet, wird gerne mit dem unverfänglichen Prädikat "umstritten" benannt. Jeff Sessions, dem 1986 die Ernennung zum Bundesrichter wegen seines amtlich festgestellten Rassismus' versagt wurde, ist jetzt heißer Anwärter auf das Amt des Bundesstaatsanwalts (attorney general). Trump erhielt glühende endorsements vom Ku-Klux-Klan und tat so, als wüsste er gar nicht wirklich was das ist, ohne dass er dafür allzu hart kritisiert worden wäre. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Diese Figuren sind für die meisten Journalisten keine Bedrohung, denn sie richten sich gegen Minderheiten, und die sind im Journalismus weiterhin selten. Hätte die weiße Mehrheitsbevölkerung mehr Empathie mit jenen Bevölkerungsgruppen gezeigt, die von den Zukunftsvorstellungen solcher Figuren tatsächlich existenziell bedroht sind, Trump wäre heute vielleicht nicht Präsident.

Diese Empathie aber wurde nicht gewährt. Auf der anderen Seite gab es dagegen eine ganze Reihe von großartigen und sensiblen Reportagen in "Trumpland", ob in Mother Jones oder glühenden Besprechungen von J.D. Vances "Hillbilly Elegy" ("book of the times"). Die vielbeschworene Empathie mit den zurückgelassenen weißen Fabrikarbeitern aus dem Rustbelt oder den Kohlekumpeln aus den Blue Ridge Mountains, sie war allgegenwärtig. Nur hatte sie stets einen Beigeschmack von Abgesang angesichts katastrophaler Umfragewerte für Trump. Die angeblichen Beschimpfungen von Trump-Wählern aber, die als argumentativer Strohmann von wahlweise in scheinheiliger Selbstkritik oder vergnügter Schadenfreude suhlendenen Journalisten links wie rechts niedergerissen werden, waren kaum das beherrschende Merkmal des Wahlkampfs. Praktisch alle professionellen Beobachter des Wahlkampfs waren auch immer vorsichtig darin, Trumps Wählern zu bescheinigen, Rassismus entweder zu ignorieren oder rassistische Äußerungen zu tätigen, bezeichneten sie aber nicht in Bausch und Bogen als Rassisten. Selbst Clinton gab sich Mühe, nur die Hälfte seiner Wähler im "basket of deplorables" zu verorten. Solch feine Distinktionen gehen in der Hitze des Gefechts natürlich unter und mögen für die meisten auch irrelevant sein, aber es ist wahrlich nicht so, als ob man sie seinen eigenen Gegnern auf der political-correctness-Front gewährt hätte.

Man kann sich an dieser Stelle natürlich die Frage herstellen, woher diese mangelnde Empathie kommt. Wie so häufig wird man dabei um die Erkenntnis nicht herumkommen, dass es nicht den einen Grund, das eine Problem gibt, das zu lösen zur Beseitigung des Problems führt. Stattdessen haben wir es mit einer Menge an Faktoren zu tun. Ein wichtiger Grund ist sicherlich der mangelnde Kontakt mit den Betroffenen. Dass dies im Falle der White Working Class als allgemeines Problem erkannt und durch diverse große Recherchereisen in die betroffenen Regionen ausgeglichen wurde, zeigt deutlich den Mangel an Problembewusstsein für die Lage dieser Gruppen. In den Medien sind Afroamerikaner und Latinos deutlich unterrepräsentiert, dasselbe gilt auch für Frauen, besonders in den höheren Positionen der Meinungsindustrie. Man sehe sich nur mal das durchschnittliche CNN-Expertenpanel an. Ein weiterer Effekt, der sich bei dieser Wahl besonders bemerkbar machte, ist die soft bigotry of low expectations, konkret: ein Kandidat wie Trump bekommt massenhaft positive Überschriften, wenn er mal einen Tag keine rassistischen Äußerungen tut - eine ungeheure Senkung des Standards, die ihm stark entgegen kommt. Am bekanntesten ist der Effekt bei den TV-Debatten, wo Trump in den Bewertungen der Journalisten teilweise einen Gleichstand erzielte, weil er nicht über die eigenen Schnürsenkel stolperte und man überhaupt nicht erst versuchte, seinen Wortsalat zu analysieren. Rassismus und grobe Unkenntnis in allen Sachfragen waren quasi bereits eingepreist. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Solange also unwidersprochen Äußerungen in den Zeitungen stehen, die eine Gleichsetzung Amerikas mit dem weißen Amerika Trumps beinhalten, kann man all den Kritikern der Identitätspolitik und Social Justice Warriors nur zurufen: Kommt erst mal aus eurer eigenen Blase raus.

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¹Was nicht gleichbedeutend mit Freispruch ist, was Jamelle Bouie gut beschreibt.

² Ein bisschen passiv-aggressiv, ich weiß, aber seht's mir nach. Es ist erst eine Woche her.

Dienstag, 25. Oktober 2016

Der Mythos von der Wechselstimmung

Ein nicht totzukriegender Mythos der US-Wahlen 2016 ist die Idee, dass der grundsätzliche Trend den Republicans in die Hände spielen muss. Die grundsätzliche Geschichte lautet in etwa so: Nach acht Jahren Obama und einer weiterhin miesen Wirtschaftslage verlangt die Wählerschaft nach einem Wechsel. Eine solche Stimmung befördert stets die Oppositionspartei und innerparteiliche Konkurrenz. Bernie Sanders große Erfolge und Trumps Nominierung sind der Ausdruck davon, ebenso die hohen unfavorables für Hillary Clinton. Würde Clinton nicht gegen einen politischen Amateur wie Trump und seine zahllosen Fehler antreten, sondern gegen [hier Lieblings-Republican einsetzen], dann würde sie klar verlieren. Das klingt vernünftig und logisch. Leider ist es weder das eine noch das andere, sondern vor allem eine Kombination aus einer tollen Geschichte und zu simpel gedachten Mechanismen. In Wirklichkeit ist 2016 kein Wechseljahr, und die Republicans haben nicht irgendeinen eingebauten Vorteil mit der Aufstellung Trumps verspielt. Ich werde im Folgenden versuchen, diese These zu begründen.

Da wäre zum einen die Regel, dass nach acht Jahren Präsidentschaft die in-house-Partei einen Nachteil hätte: in diesem Fall die aktuell das titelgebende Weiße Haus besetzenden Democrats. Und das scheint auch Sinn zu ergeben: Obama folgte auf acht Jahre Bush. Der folgte auf acht Jahre Clinton. Vor Clinton regierte zwar ein Republican in der dritten Amtszeit, aber das war der ungeheuren Schwäche des damaligen Kandidaten Dukakis und der Beliebtheit Reagans zu verdanken. Auf acht Jahre Nixon/Ford folgte Carter. Auf acht Jahre Kennedy/Johnson Nixon. Auf acht Jahre Eisenhower Kennedy. Das ist eine schöne, weil greifbare Regel. Nur leider ist es keine Regel, sondern ein statistisches Artefakt. Was ist damit gemeint?

Das Problem bei allen Regeln, die man für US-Wahlen aufzustellen versucht, ist die geringe Menge an Daten. Seit 1972 - der ersten Wahl mit dem modernen Parteisystem mit Vorwahlen - haben gerade einmal elf Wahlen stattgefunden (2016 ist die zwölfte). Davon stand in acht Wahlen ein amtierender Präsident zur Wahl (nur 1988, 2000 und 2008 und jetzt 2016 nicht). Da erst seit 1984 überhaupt vernünftige Umfragen auf Bundesstaatenebene stattfinden, wird das repräsentative Datenpaket noch kleiner. Jede "Regel" muss vor diesem Hintergrund blanker Zufall sein. Das gilt auch für die Idee, dass nach zwei vollen Amtszeiten einer Partei die andere Partei im Aufwind ist. Das stimmte 2008, aber Bush war ein historisch mieser Präsident. Sowohl 1976 (Ford gegen Carter) als auch 2000 (Bush gegen Gore) war die Wahl extrem knapp; tatsächlich sind gerade diese zwei Wahlen die knappsten im Untersuchungszeitraum! 1988 war auch nach zwei Amtszeiten Reagan keine Wechselstimmung, und Bush (der Ältere) gewann deutlich gegen Herausforderer Dukakis. Man verzeihe mir die ausführliche Auflistung, denn das waren bereits alle Beispiele.

Selbst wenn ich in der Zeit vor die Epoche der demokratischen Vorwahlen zurückgehe, erkennt man kein klares Muster. Die Wahl 1968 (nach acht Jahren Kennedy/Johnson) war ebenfalls extrem knapp. Die Wahl 1960 (nach acht Jahren Eisenhower) war die knappste bis zum Jahr 2000. Davor regierten die Democrats ununterbrochen für 20 Jahre! Vor dieser Epoche war Dominanz der Republicans im Weißen Haus seit 1860 durch gerade einmal drei Democrats unterbrochen. Eine Regel, die irgendeine Schlussfolgerung für 2016 zulässt, ist daraus schlicht nicht abzuleiten. Das heißt natürlich auch, dass nichts durch die bloße Länge der vorherigen Amtszeiten gegen einen Vorteil der Republicans sprechen würde. Wir müssen nur offensichtlich andere Indikatoren betrachten.

Da wären etwa die so genannten Fundamentals - Arbeitslosenrate, Wirtschaftswachstum, Konsumentenzuversicht, etc -, die laut einem einflussreichen Zweig der Politikwissenschaftler der bestimmtende, strukturelle Faktor beim Ausgang von Wahlen darstellen. Aber diese Theorie hat bereits 2012 Risse erhalten, als die fundamentals eigentlich für Romney sprachen, ohne dass sich das für ihn ausgewirkt hätte. Dieses Jahr würden sie, falls die Theorie Bestand hätte, für die Democrats sprechen, denn das Wirtschaftswachstum zieht langsam an, die Arbeitslosenrate ist auf einem historischen Tiefstand und die Amerikaner sind mehrheitlich optimistisch, was die Zukunftaussichten angeht. Aber die fundamentals scheinen mir als Erklärungskategorie überbewertet, wie es so häufig bei großen Theorien der Fall ist.

Also keine fundamentals. Aber sicherlich haben die Amerikaner keine Lust auf eine dritte Amtszeit Obama. Nicht umsonst haben sie bei jeder Gelegenheit versucht, Clinton an ihre Amtszeit als Außenministerin zu ketten und in eine Kontinuität mit Obamas Regierung zu stellen. Spätestens als Clinton dieses Fakt mit offenen Armen an sich gedrückt hat - bereits in den Vorwahlen gegen Bernie Sanders - hätte eigentlich allen Beteiligten auffallen können, dass da etwas nicht stimmt. Und tatsächlich: Obamas Zustimmungswerte (approval ratings) steigen seit Monaten kontinuierlich an. Ist die historische Erfahrung irgendein Indikator, dann wird dieser Trend auch weiter anhalten. Und bevor jemand clever auf die geringe empirische Basis hinweist: ein Trend nicht nur mit Präsidenten, sondern mit Amtsträgern generell. Clinton selbst hatte nach dem Ausscheiden aus dem Amt ein approval rating von 76%. Die Wähler hassen den Wahlkampf und die tatsächliche Politik, aber sobald jemand aufhört, wird er oder sie schon positiver gesehen. Das gilt selbst für Bush (den Jüngeren). Ein hypothetischer sich um eine dritte Amzszeit bewerbender Obama würde übrigens alle Kandidaten, inklusive Bernie Sanders, spielend schlagen. Aber das nur nebenbei.

Also kein negativer Obama-Effekt. Aber was ist mit der Unzufriedenheit der Amerikaner an der generellen Richtung, in die sich alles entwickelt? Eine Zwei-Drittel-Mehrheit der Amerikaner empfindet diese Richtung als falsch. Die Frage, ob es "in the right direction" geht oder ob sich das Land "on the wrong track" befindet, wird in den Umfragen seit 1972 gestellt. Durch Obamas gesamte Amtszeit hindurch lag der Wert für die "right direction" nie höher als 45% (im Juni 2009) und im Mittel deutlich unter 40%. Das klingt für die Vertreter der Wechselstimmung schon deutlich vielversprechender. Aber nein, auch hier ist nichts zu sehen. Denn die Amerikaner haben seit 1972 selten das Land "in the right direction" gehen sehen. Die Mehrheit empfindet es fast immer als "on the wrong track". Das liegt schlicht daran, dass die Frage dumm gestellt ist, denn sie gibt keine Möglichkeit zu sagen, warum man die Richtung als falsch empfindet. Schlüsselt man - wie YouGov das getan hat - die aktuellste Umfrage, in der 61% eine falsche Weichenstellung postulieren, auf, so findet man, dass von diesen 61% ein Drittel Obama und den Democrats, ein weiteres Drittel irgendwie allen und ein letztes Drittel entweder den Republicans oder niemandem die Schuld gibt. Zusammen mit den 29%, die das Land sich ordentlich entwickeln sehen, ergibt sich die übliche Spaltung des Landes entlang etwa der Hälfte der Bevölkerung. Diese Spaltung verläuft entlang der Parteilinien - und ist damit ideologisch motiviert. Die ganze Fragekategorie ist völlig wertlos (und war es auch bei Bush), was sie natürlich nicht am Missbrauch durch die jeweilige Oppositionspartei hindert. Nur eine Wechselstimmung begründet sie halt auch nicht.

Also kein eindeutiger wrong track. Welche Argumente für eine Wechselstimmung bleiben da noch übrig? Die große Attraktivität von Außenseiterkandidaten, die ständige Forderung nach ihnen und ihre Erfolge erst 2012 (Herman Cain) und nun 2016 (Ben Carson, Carly Fiorina, Donald Trump) scheinen eine allgemeine Unzufriedenheit zu konstatieren. Aber: wie auch die wrong-track-Frage ist die Forderung nach den Außenseitern, die unbefleckt und rein nach Washington kommen, ein Dauerbrenner. Von Jimmy Carter über Ronald Reagan zu Michael Dukakis, Bill Clinton, George W. Bush, John McCain und Mitt Romney inszenierten sich fast alle Kandidaten als Außenseiter. Nur sehr wenigen war dies schlicht - wie Hillary Clinton unmöglich (George H. W. Bush, Al Gore), und selbst die haben es versucht. Der Außenseiter ist ein politischer Dauerbrenner, ebenso wie der ausgeglichene Haushalt ohne neue Schulden. Oft beschworen, selten gesehen und eigentlich auch nicht ernsthaft gewollt. Man sieht dieses Jahr, warum.

Also auch keine Außenseiter. Wie sieht es mit den Bundesstaaten aus? Hier sind die Democrats im Aufschwung und hoffen auf eine Übernahme des Senats und eine deutliche Verbesserung im Repräsentantenhaus. Während dies im Senat leicht auf die zur Wahl stehenden Sitze (nicht Kandidaten!) zurückgeführt werden kann - wesentlich mehr Republicans als Democrats stehen zur Wahl - sieht es im Repräsentantenhaus auch nicht gerade so aus, als würden die Democrats für die letzten acht Jahre abgestraft. Wenn überhaupt geht es den Republicans so. Diese Faktoren sind zugegebenermaßen die nebulösesten, da in Jahren mit einer Präsidentschaftswahl die Wahlbeteiligung unter Anhängern der Democrats höher ist und zudem lokale Begegebenheiten eine deutliche Rolle spielen. Das spricht aber allenfalls gegen einen Vorteil der Democrats und kaum für einen Vorteil der Republicans.

Also auch hier keine echte Wechselstimmung. Bleibt eigentlich nur eins: die große Unbeliebtheit Hillary Clintons. Ihre favorability-Werte sind tatsächlich, gelinde gesagt, ausbaufähig. Dass ihr in diesem Wahlkampf Trumps noch deutlich miesere Werte entgegenkommen, dürfte ein offenes Geheimnis sein. Gegen einen qualifizierteren Gegner hätte sie es vielleicht schwerer. Wir werden diese Argumentation in einem kommenden Post deutlich genauer untersuchen, von daher will ich ihm an dieser Stelle den benefit of the doubt geben: die Begeisterung über Hillary hält sich in Grenzen (Bill Maher: "Am I ready for Hillary? Yes. Am I excited for Hillary? No.") Ein Wechselkandidat hätte hier vermutlich Vorteile. Nur: das spricht nicht für eine strukturelle Wechselstimmung von Democrats zu Republicans.

Der Mythos von einer weit verbreiteten Wechselstimmung, der die Democrats nur wegen der außerordentlichen Schwäche Trumps entkommen, ist daher genau das: ein Mythos. Solange sich die Republicans einreden, dass alles für sie arbeitet, nur, leider, leider, Trump einige unbedachte Aussagen gemacht hat, wird Clinton Favoritin für ihre Wiederwahl 2020 bleiben.

Samstag, 15. Oktober 2016

Kriegen nur Altruisten Kinder? Eine Replik auf "Die Ego-No-Kids-Gesellschaft"

In seinem Text "Die Ego-No-Kids-Gesellschaft" stellt Stefan Pietsch die These auf, dass die seit den 1960er Jahren mehr oder weniger konstant gesunkene Geburtenrate auf den Egoismus der Generation Y zurückzuführen sei, für die Kinder schlicht nicht mehr ins Lebenskonzept passen und dass dies ein enormes Problem für die Zukunft der Nation sei. Regelmäßige Leser dieses Blogs sollte es nicht überraschen, dass ich diesen Thesen und den darunterliegenden Prämissen nur sehr eingeschränkt zustimmen kann. Im Folgenden soll der Artikel Stück für Stück kommentiert werden.

Pietsch beginnt mit einer anekdotischen Bestandsaufnahme des Straßenbilds: wo in seiner eigenen Jugend in den 1970er Jahren noch spielende Kinder zum Straßenbild gehörten und die Familienfeste bevölkerten, herrscht heute triste, kinderlose Leere. Dies ist selbstverständlich auch eine Folge der sinkenden Geburtenrate und den dadurch abnehmenden Kinderzahlen. Aber auch andere Faktoren spielen eine Rolle dabei, dass heutzutage wesentlich weniger Kinder draußen spielend angetroffen werden können als heute. Das beginnt mit der von Konservativen (allen voran Manfred Spitzer) gerne beklagten Zunahme elektronischer Unterhaltungsmedien, die neue und attraktive Möglichkeiten der häuslichen Freizeitgestaltung öffnet. Das geht weiter mit der starken Zunahme der Schulzeit. Wo noch in meiner eigenen Jugend der Nachmittagsunterricht bis zur Oberstufe eher die Ausnahme war, ist er heute die Regel. Das mündet im Wandel des Familienalltags durch Verschiebungen im Berufsleben, aber dazu später mehr.

Und es wird beeinflusst durch die Gestaltung der Infrastruktur: in Pietschs Beschwörung der kindlichen Idylle von 1975 waren in Deutschland 17,9 Millionen PkW zugelassen. Als ich um 1990 im gleichen Alter war, waren es 30,6 Millionen. Meine Kinder dürfen nicht alleine nach draußen, denn vor unserem Haus fahren laut kommunaler Messung rund 90 Autos pro Stunde vorbei, kein Wunder bei 45 zugelassenen PkW im Jahr 2016¹ - und da ist die noch viel dramatischere Steigerung an LkW noch nicht eingerechnet. Es sind also nicht nur die Helikoptereltern, die die "auf sich selbst aufpassenden" Kinder heutzutage unmöglich machen, es ist auch der Wandel im kommunalen Bild. Man sehe sich einmal Fotos aus den Städten der 1970er Jahre an und vergleiche sie mit heute.

Natürlich hat Pietsch völlig Recht, dass heute statistisch weniger Spielkameraden in direkter Reichweite wohnen. Aber mein vierjähriger Sohn hat allein in unserem Kaff (praktisch alles in zehn Gehminuten erreichbar) diverse Freunde in seinem Alter (soweit Kinder in dem Alter halt bereits Freunde haben), so dass ich mir deswegen keine allzu großen Sorgen mache. Wesentlich bedeutsamer scheint mir da die Distanz zu anderen Familienmitgliedern zu sein. Wo ein nahes Wohnen an den Eltern oder Großeltern nicht mehr die Regel ist, wird die Betreuungssituation für den eigenen Nachwuchs deutlich erschwert. Das muss früher tatsächlich besser gewesen sein, zumindest wenn ich meiner eigenen Erfahrung als Kind eine gewisse Repräsentanz beimessen darf.

Bleiben zwei große Argumente Pietschs: dass die geänderte Arbeitswelt als Faktor überschätzt wird, und dass es deutlich relevanter ist, dass der Generation Y Kinder kein "erfüllender Lebensinhalt" mehr sind. Daran Schuld sind "Karrierefrauen" wie von der Leyen und "gelernte Sozialistinnen" wie Schwesig. Alles klar. Schauen wir beides nacheinander an.

Die Frage der Bedeutung nach der geänderten Arbeitswelt haben wir auf dem Blog hier bereits öfter diskutiert; es sollte daher für den geneigten Leser keine große Überraschung sein, dass ich diesem Faktor eine wesentlich größere Bedeutung beimesse als Pietsch, der das mit einem Verweis auf die fast ungeänderten Arbeitswege beiseite wischt². Während es natürlich auch schön ist, dass die große Mehrheit der Erwerbstätigen in unter einer Dreiviertelstunde zur Arbeit kommt, so bleibt es doch ein Fakt, dass Arbeitswelt sich seit 1970 massiv geändert hat. So betrug die Zahl der erwerbstätigen Frauen 1970 gerade einmal 45,9%. Im Jahr 2011 betrug sie 71%. Im gleichen Zeitraum sank die Erwerbsquote von Männern von 87,7% auf rund 81%. Natürlich kann man so tun, als ob das nur an der ungeheuren Vorliebe für BMW i3 liege, die Aldi-Kassiererinnen haben. Im Unterschied zu Stefan Pietsch gehe ich aber davon aus, dass der Druck für eine Vollerwerbstätigkeit beider Partner, der die letzten 20 Jahre gekennzeichnet hat, eine massive Rolle dabei spielt.

Dies hat gleich mehrere Konsequenzen. Während früher ein Allein- oder wenigstens Haupternährermodell die Regel war, wird heute eine annähernde Parität mit zwei Vollzeitjobs angestrebt³. Gleichzeitig ist mittlerweile erschöpfend belegt, dass es nur wenig der optimistischen Zukunftsbetrachtung abträgliche Zustände wie Arbeitslosigkeit gibt, besonders wenn diese beim Mann vorliegt. Die gesunkene Erwerbsquote bei Männern spricht hier also ebenso eine deutliche Sprache wie die drastisch gestiegene Erwerbsquote von Frauen. Dazu haben sich seit 1970 zwar die Arbeitsstunden pro Erwerbstätigem von rund 1900 auf rund 1400 gesenkt; gleichzeitig aber hat die Erwerbstätigkeit insgesamt in stärkerem Maße zugenommen. Der Anstieg am Bedarf an ganztägiger Kinderbetreuung kommt ja nicht von ungefähr.

Die geänderte Arbeitswelt hat also deutlich stärkeren Einfluss auf die Geburtenraten, als es Stefan Pietsch wahrhaben will, für den das alles rein private Entscheidungen sind, weswegen er auch zu der übersteigerten These vom Egoismus der Generation Y kommt. Es bleibt noch zu belegen, ob die Erwartungen an den Lebensstandard gestiegen sind (Stichwort iPhone und BMW i3) oder ob die kontinuierliche Senkung der Reallöhne der ausschlaggebendere Faktor ist; diese Frage soll hier nicht verhandelt werden. Die Konsequenz ist in beiden Fällen aber dieselbe: sinkende Geburtenraten. Was aber ist vom anderen Argument Pietschs zu halten, dass meine Generation einfach keine Kinder mehr haben will?

Auch hier enthält seine Analyse mehr als ein Körnchen Wahrheit, aber seine Erklärung mit dem "Egoismus" greift zu kurz. Zwar ist es korrekt, wenn er erklärt, dass für Frauen Kinder nicht mehr in allen Fällen ein "erfüllender Lebensinhalt" sind und gegenüber anderen Lebenszielen - etwa einer Karriere - hintenangestellt werden. Aber Pietsch begeht hier den typischen Fehler von Konservativen, indem er sein eigenes in der Vergangenheit verankertes Wertesystem als Naturgesetz betrachtet und das Wertesystem der nächsten Generation als fremdgesteuertes Produkt übelwollender, linker Eliten verkauft. Denn selbstverständlich entscheiden sich viele Frauen heute mehr oder weniger bewusst zu einem Verzögern ihres Kinderwunschs, haben erst gar keinen oder geben sich mit ein oder zwei Kindern zufrieden. Das kann man als Egoismus betrachten, aber das funktioniert nur wenn man ignoriert, dass die hohen Geburtenraten des Jahres 1967 ebenfalls auf Egoismus beruhten, nur dem der Männer.

Denn der heute deutlich prononcierteren Selbstentfaltung von Frauen gerade im zeitintensiven Berufsumfeld steht eine frühere Unterdrückung solcher Lebensentwürfe gegenüber. Zum vollständigen Bild gehört eben auch, dass Kindeserziehung und -betreuung früher praktisch reine Frauensache war. Die bereits erwähnten 1900 Arbeitsstunden, die im Durchschnitt damals noch erbracht wurden, sprechen eine ebenso deutliche Sprache wie das DGB-Plakat von 1956, in dem im Interesse der Familienzeit ein freier Samstag gefordert wurde. Angesichts der damalig geringen Verbreitungsdichte an Kindergärten fiel die Last dieser Arbeit auf Frauen, denen eine eigene Entfaltung damit völlig unmöglich war. Der wesentlich höhere gesellschaftliche Druck, dem patriarchalischen Modell zu genügen und Kinder zu bekommen, tut da sein Übriges. Die Erwartungen an Väter sind heute deutlich gestiegen, und es spricht nicht eben für uns, dass wir auf diese gestiegenen Erwartungen - die immer noch deutlich unter denen an Mütter liegen - wesentlich häufiger selbst eine Kinderabstinenz wählen. Unter diesen Umständen den Frauen "Egoismus" vorzuwerfen erscheint mir mehr als nur ein bisschen scheinheilig.

Daher hat Pietsch natürlich Recht, wenn er herausstellt, dass die Verbreitung von Kinderbetreuungseinrichtungen alleine keine hinreichende Bedingung für eine steigende Geburtenrate ist. Wie so häufig ist die Gesamtantwort eben doch ein wenig komplizierter. Der von ihm beklagte Hedonismus spielt dabei sicherlich auch eine Rolle, aber die geänderte Arbeitswelt und die progressiveren Geschlechterrollen spielen ebenso eine Rolle. Sie als Fortschritt zu begreifen, den es zu begrüßen und auszubauen gilt, ist die wahre Herausforderung unserer Tage, und nicht zu versuchen, Frauen durch Vorwurf von Egoismus zu beschämen. Wir sind alle gefragt. Kinder großzuziehen ist keine Aufgabe von Frauen zwischen 20 und 40, sondern eine Aufgabe für die ganze Gesellschaft - ob als Väter, als Großeltern oder als Steuerzahler in der großen Solidargemeinschaft aller Bürger.

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¹ Alle Zahlen von hier.

² Ich habe etwa hier, hier und hier dazu geschrieben.

³ Pars pro toto mag hier die sozialistischer Gesellschaftsveränderung unverdächtige INSM stehen: "Im Bereich der qualifizierten Leistungserbringer, die sich insbesondere in der mittleren Generation befinden, müssen die Erwerbsquoten steigen. Ein erhebliches Potenzial bieten hier Frauen, deren Erwerbsquote in den letzten Jahren zwar deutlich gestiegen ist, aber noch immer deutlich unter der von Männern liegt. Damit dies möglich wird, muss die Vereinbarkeit von Familie und Beruf weiter verbessert werden. Dazu ist insbesondere eine qualitativ bessere Kinderbetreuung notwendig."